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Entwicklung im Zeitalter der Ökologie

Mittwoch, 28. Mai 2014
ursprünglich erschienen im Kosmos Journal
[https://www.kosmosjournal.org/article/development-in-the-ecological-age/]

Leben Sie in einem entwickelten oder in einem Entwicklungsland? Wenn Ihr Land über ein weitverzweigtes Straßen- und Schienennetz und viele Flughäfen verfügt, wenn das Stromnetz voll ausgebaut ist, und Städte oder städtische Gebiete überwiegen, wenn moderne Medizin praktiziert wird, und praktisch jeder lesen und schreiben kann und in der Schule war, wenn die meisten Menschen Zugang zum Internet haben, und vor allem, wenn das pro-Kopf Einkommen hoch ist, würden die meisten sagen, dass Sie in einem entwickelten Land leben. Andernfalls wird man Ihr Land als Entwicklungsland einstufen, das noch auf dem Weg ist, diesen Standard zu erreichen.

Die Unterscheidung basiert implizit auf der Annahme, dass der Verlauf der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung der Industrieländer normal, unvermeidlich, und an sich wünschenswert ist. Wenn ich entwickelt bin, und Sie sich entwickeln, heißt das, dass ich schon dort bin, wo Sie erst hin müssen.

Mittlerweile ist es offensichtlich geworden, dass ein Narrativ der Entwicklung an so manchem grundlegenden Fehler krankt. Vor allen anderen stehen das Problem des Ressourcenverbrauchs und des ökologischen Fußabdrucks. Es gibt auf der ganzen Welt weder genug Ressourcen, um allen Menschen den Lebensstandard eines Nordamerikaners oder einer Westeuropäerin zu ermöglichen, noch können die Atmosphäre, die Wälder oder die Ozeane eine entsprechende Verschmutzung tolerieren. Auch zeigt sich, dass eine Unzahl an sozialen Problemen mit der Entwicklung Hand in Hand geht. Das sind nicht bloß vorübergehende Ungereimtheiten, die durch geschicktes politisches Eingreifen gelöst werden können.

Nichtsdestotrotz blieb bislang Entwicklung als normatives Konzept unhinterfragt. Wir sprechen jetzt eben von "grüner" oder "nachhaltiger" Entwicklung ohne auf die Idee zu kommen, dass das bestehende Konzept von Entwicklung an sich ein untrennbarer Bestandteil der vorherrschenden Umwelt zerstörenden Praxis ist.

Entwicklung ist kein frei schwebendes ideologisches Konstrukt sondern wurzelt in tieferen, weniger offensichtlichen Ideologien, die nicht unangetastet bleiben können. Profunde Entwicklungskritik wirkt bald einmal radikal. Man kann sich schnell den Ruf eines ignoranten Schlaumeiers einhandeln, der sich noch nie Gedanken gemacht hat über die "Vorteile der Erziehung", oder "die Segnungen der modernen Medizin", oder "den Fortschritt, den wir im Kampf gegen Armut und Hunger gemacht haben". Tatsächlich ist Entwicklung aufs Engste verknüpft mit tief sitzenden Annahmen über die menschliche Natur, die Beschaffenheit der Wirklichkeit, und die Natur des Seins an sich, die wir für selbstverständlich halten. Anders gesagt ist Entwicklung ein integraler Bestandteil jenes Mythos, jener großen Erzählung, auf der unsere Zivilisation basiert.

Unsere Zivilisation aber steht jetzt vor einer großen und sich ausweitenden Krise, die unaufhaltsam die Fundamente unserer innersten Grundannahmen unterspült. Gerade die ökologische Krise, der schmerzliche Schaden, den wir der Erde in ihrer Schönheit angetan haben, nagt an der selbstgefälligen Sicherheit, dass die Menschheit auf dem richtigen Weg ist mit ihrem ruhmreichen Aufstieg zur Herrschaft über die Natur. Immer noch ist die Geschichte von der Entwicklung stark und ihre Vorherrschaft fast allgegenwärtig, aber in ihrem Innersten beginnt ein Aushöhlungsprozess. Jetzt ist die Zeit gekommen, Entwicklung grundsätzlich zu hinterfragen, zu zeigen, wie sehr wir ihr verhaftet sind, und welche völlig anderen Visionen von der Zukunft es geben könnte.

Die entwicklungszentrierte Wirtschaft

Das Entwicklungsnarrativ - "unser Lebensstil ist der einzig erstrebenswerte" - ist ein kolonialistisches Narrativ. Die bestehenden Lebensweisen von Menschen rund um den Globus werden nicht wertgeschätzt. Ziel ist, sie den herrschenden Machtverhältnissen anzupassen. Auf wirtschaftlicher Ebene waren die entwicklungspolitischen Maßnahmen der letzten sechzig Jahre das Mittel dieses Kolonialismus. Man sagte, dass der Westen durch Zuschüsse und Kredite rückständigen Ländern beim Übergang von agrarischen hin zu einer industriellen Gesellschaft helfen würde. In der Praxis erlangte dadurch das globale Kapital Zugriff auf lokale Arbeitskraft, Holz, Land, Mineralien, Erdöl und so weiter. Der Großteil der Zuschüsse landete entweder in den Händen winziger lokaler Eliten oder wurde zu jenen weltweit agierenden Konzernen zurückgespült, die die von der Entwicklungshilfe finanzierten industriellen Megaprojekte umsetzten. Den Empfängerländern blieben immense, unbezahlbare Schulden. Um an die Devisen für die Rückzahlung zu kommen, gaben Sie Cäsar, was Cäsar gebührt: ihre natürlichen Ressourcen und ihre billige Arbeitskraft.

Bis heute braucht das globale Finanzsystem beständig immer weitere "Entwicklung". Ohne die schimmernde Technologie- und Fortschrittsfassade ist das, was vom Entwicklungskonzept übrig bleibt, reine Monetarisierung. Wenn ein Land davon spricht, seine "Forst-Ressourcen" zu "entwickeln", was heißt das dann in Wirklichkeit? Es heißt, dass die Wälder Produkte liefern sollen. Was macht jemand, der den Immobiliensektor entwickelt? Er verwandelt Land in ein Produkt, das er "erschließt", um dessen Geldwert zu steigern. Was bedeutet es, einen Markt zu entwickeln? Es bedeutet nicht-geldförmige Formen des Austauschs wie Reziprozität, Teilen und wechselseitige Hilfe in markttaugliche Dienstleistungen überzuführen.

Denken Sie zum Beispiel an ein indisches Dorf, dessen Einwohner in der so oft als beklagenswert hingestellten Situation sind, von "weniger als zwei Dollar pro Tag" leben zu müssen. Hätte unsereins ein solches Einkommen - so malen wir uns aus - müssten wir furchtbaren Hunger leiden, und es fehlte uns an allem. Die Wahrheit kann aber recht anders aussehen. Vergessen Sie nicht, dass die Menschen dort den Großteil ihrer Nahrungsmittel selbst anbauen im Rahmen ihrer Familien, die bis über hundert Menschen umfassen können. Also brauchen sie kein Geld um Essen einzukaufen. Auch weiß jeder, wie man ein Haus aus frei verfügbaren Materialien baut, also müssen sie auch nicht fürs Wohnen bezahlen. Wenn die Großfamilie gemeinsam über Land verfügt, muss auch keiner Pacht bezahlen. Unterhaltung, Drama und Schauspiel gehören zum Dorfleben, ohne dass es dafür Geld braucht. Es besteht kein Bedarf für Versicherungen, weil die Menschen gegenseitig aufeinander aufpassen und füreinander sorgen. Auch ist es nicht notwendig für eine Polizei zu bezahlen, weil der informelle soziale Druck und vielleicht auch ein Dorfrat die Einhaltung gesellschaftlicher Normen gewährleisten. Natürlich muss in großen Familien auch nicht bezahlt werden fürs Kochen, für Reinigungsarbeiten oder Kinderbetreuung. Und das Dorf verfügt wahrscheinlich über reiches traditionelles Wissen über Heilkräuter und Volksmedizin.

Und jetzt ersetzen Sie die Lehmziegelhäuser durch Betonbauten, die weitverzweigten Großfamilienverbände durch Kernfamilien, gegenseitige Hilfe durch Versicherungen, das Land in gemeinschaftlichem Besitz durch Parzellen mit Zäunen, das Wissen um traditionelle Gerichte durch Fastfood-Restaurants; ersetzen Sie eine Identität, die aus lokalen Geschichten und Beziehungen erwächst durch eine, die auf Markenprodukten basiert, autarke Landwirtschaft, die Nahrungsmittelsicherheit gibt, durch eine Landwirtschaft, die nur für den Export produziert; ersetzen Sie erfahrungsbasiertes Lernen beim Tun vor Ort durch Schulen mit festgesetzten Lehrplänen, und die Dorfheilerin durch ein Krankenhaus. Zum Schluss schicken Sie alle jungen Leute in die Städte - das nennt man Entwicklung.

Ich möchte hier nicht suggerieren, dass die Dorfheilerin dem Krankenhaus grundsätzlich überlegen ist. Zeigen möchte ich hingegen, dass die Entwicklungsideologie mit machtvollen wirtschaftlichen Kräften Hand in Hand geht. Jede der oben aufgelisteten Veränderungen stellt eine Investitionsmöglichkeit dar. Wenn viele Menschen auf einmal für Dinge bezahlen, die vorher Teil einer auf Schenken basierenden Wirtschaft waren, steigt das BIP, welches wiederum für das Bestehen unseres Finanzsystems essentiell ist. Solange Geld aus verzinsten Schulden geschaffen wird, bedeutet fehlendes Wachstum weniger Kreditmöglichkeiten, steigende Verschuldung, steigende Arbeitslosigkeit und steigende Ungleichverteilung von Reichtum. Ohne Wachstum steigt der Druck, Vermögenswerte und natürlichen Reichtum zu Geld zu machen, Sozialleistungen zu kürzen und alle verfügbaren Ressourcen für die Tilgung der Schulden zu mobilisieren. Ein entwickeltes Land ist definiert als eines, in dem es nur mehr wenig Spielraum für weiteres Wirtschaftswachstum gibt. Damit dieses System weiterhin bestehen kann, müssen neue Märkte mit hohem Wachstumspotential erschlossen werden, die das System eine Zeit lang weiter am Laufen halten.

Mit anderen Worten ist Entwicklung mehr als nur eine Ideologie. Entwicklung ist eine Ideologie im Dienste einer ökonomischen Notwendigkeit - keiner absoluten wohlgemerkt, denn sie gilt nur im Rahmen eines wachstums- und schuldbasierten Wirtschaftssystems. Solange sich das nicht ändert, wird der Druck zur Entwicklung - also zur Umwandlung von natürlichen Ressourcen in Waren und von sozialen Beziehungen in Dienstleistungen - nicht nachlassen. So gut gemeint Ideen wie "grüne Entwicklung" auch sein mögen, sie können sich diesem Druck nicht entziehen. Sie können ihn nur in anfangs vielversprechende Formen kanalisieren, die, eine nach der anderen, als Enttäuschungen enden, weil sie sich letztlich immer wieder nur als weitere Formen der Jagd nach dem Geld entpuppen. Die zur Zeit herrschende Obsession für Bio-Treibstoffe ist ein gutes Beispiel dafür. Sie wurden als kohlenstoffneutrale Alternative zu fossilen Treibstoffen präsentiert, aber zugleich boten sie die Gelegenheit für einen massiven Landraub in Brasilien und anderen Ländern mit oft schlimmen Folgen wie Abholzung und Vertreibung von Subsistenzbauern und der ortsansässigen Bevölkerung von ihrem Land. "Entwicklung" in diesem Fall heißt Umwandlung von Land, Wäldern, autarker Versorgung und photosynthetischer Kapazität in Geld.

Damit soll keineswegs gesagt sein, dass die weniger entwickelten Länder so bleiben sollen, wie sie sind. Das wäre eine ebenso kolonialistische Haltung, wie ihnen unser eigenes Entwicklungsmodell vorzuschreiben. Der Außenseiter, der daherkommt und sagt: "Wir wissen es besser als ihr," und der diese Überzeugung mit ökonomischer und militärischer Macht durchsetzt, ist der Inbegriff von Imperialismus. Es ist aber auch naiv zu sagen: "Schau, diese Menschen wollen die Entwicklung! Sie wünschen sich Autos und Fernseher und Luxus und iPhones. Wer sind wir ihnen zu sagen, sie sollten das nicht wollen?" Sicher wollen sie diese Dinge, aber in welchem Gesamtzusammenhang? Wenn das Finanzsystem konstanten Druck ausübt, alles zu Geld zu machen, wenn Massenmedien glamouröse Bilder von Moderne verbreiten, wenn das Erziehungssystem traditionelle Lebensweisen als primitiv hinstellt und traditionelles Wissen als Aberglauben, dann werden sie natürlich diese Dinge wollen. Es wäre auch heuchlerisch mit dem Finger auf die Länder in Südamerika zu zeigen, weil sie in der Amazonasregion Bergbau und Minen betreiben, wo doch gerade das System, an dem die Kritiker selbst Teil haben, die starken Anreize für solche Aktivitäten setzt. Und genau das geschah in Ecuador: Präsident Rafael Correa machte 2007 den mutigen Vorschlag, dass sein Land ein riesiges Gebiet im Amazonas unberührt ließe, wenn die Weltgemeinschaft dafür Ecuador 3,6 Milliarden US-Dollar bezahlte - etwa halb so viel wie das Öl wert war, das in dieser Region lagert. Die Weltgemeinschaft konnte sich nicht darauf einigen dem Vorschlag zuzustimmen, und letztes Jahr erklärte Correa diesen Vorschlag für nichtig.

Die Aufstiegsideologie

Zwar deckt sich Entwicklung weitgehend mit den Zielen der globalen ökonomischen Kräfte, aber ihr ideologischer Ursprung, der auch unser ganzes jetziges System rechtfertigt, geht über Ökonomie weit hinaus. Es stimmt nicht, dass die Entwicklungsideologie nur ein Handlanger der von Entwicklung abhängigen Wirtschaft ist, so wie manche linken Theoretiker behauptet haben. Vielmehr haben beide Konzepte - Entwicklung und Ökonomie - einen gemeinsamen Ursprung: einen Ursprungsmythos, jene "Geschichte von der Welt", auf der die moderne Zivilisation beruht.

Ein Handlungsstrang dieser Erzählung dreht sich um ein meta-historisches Narrativ, das ich "den Aufstieg der Menschheit" nenne. Er geht so: Zu Beginn waren wir Menschen wenig besser als die Tiere. Wir waren nackt und hilflos in unserem Kampf ums reine Überleben. Wir hatten noch keine Wissenschaft sondern glaubten an Geister, und statt Technologie anzuwenden praktizierten wir Rituale. Dank unserer großen Gehirne fingen wir glücklicherweise an, uns zu "entwickeln". Wir lernten die Naturkräfte unter unsere Kontrolle zu bringen, das Feuer zu beherrschen, Pflanzen und Tiere zu domestizieren, zu bauen, zu erfinden und zu wachsen. Unser Fortschritt verlief vom Jagen und Sammeln über die Landwirtschaft zur Industrie, und jetzt sind wir im Informationszeitalter angelangt: vom Organischen über das Mechanische zum rein Geistigen; von der natürlichen Welt über eine hergestellte Welt zu einer virtuellen Welt. Bald, so geht die Geschichte, wird unser Triumph vollständig sein. Wir werden alle Krankheiten mittels Gentechnik und Nanotechnologie besiegen; wir werden das Weltall erobern; wir werden Körperteile designen, Nahrung künstlich produzieren und unseren Geist mit Add-ons erweitern; wir werden die Wissenschaft auch auf unsere Gesellschaft anwenden. Wir werden die Armut, Verbrechen und psychische Krankheiten mit Hilfe von Politikwissenschaft, Psychologie und Wirtschaftswissenschaft beseitigen. Das ist unsere ruhmreiche Bestimmung, die Descartes vor vierhundert Jahren vorausgesagt hatte, als er schrieb, dass die Technologie uns zu den "Herrn und Besitzern der Natur" machen werde.

In der Anthropologie herrscht seit der Zeit von Hobbes und Rousseau ein heftiger Meinungsstreit darüber, ob der ursprüngliche Zustand der Menschheit besser oder schlechter war als der zivilisierte. War das Leben, wie Hobbes es formulierte, "einsam, armselig, hässlich, grausam und kurz"? Oder brachte die moderne Gesellschaft eine Abnahme von Gewalt und eine Zunahme an Zivilisiertheit, wie das Jared Diamond, Steven Pinker, Napoleon Chagnon und manche anderen Autoren behaupten? Oder sollten wir eher Marshall Sahlins, David Graeber, Frans de Waal und Helena Norberg-Hodge glauben, die meinen, dass die "primitiven" Menschen zwar nicht in einem romantischen Garten Eden lebten, aber zumindest viel mehr Freizeit, mehr Kooperation, Zusammenhalt und Sicherheit hatten, als die meisten Menschen heute in der modernen Gesellschaft?

Hier steht eine Menge auf dem Spiel, denn Rousseau's Sichtweise zieht die wichtigste Rechtfertigung für die moderne Gesellschaft und damit auch die Entwicklungsideologie in Zweifel. Wir mögen soziale Ungerechtigkeit und Raubbau an der Umwelt beklagen, aber wir können uns immer noch mit dem Gedanken beruhigen, dass sich unsere Lage trotzdem gegenüber dem primitiven Leben verbessert hat. Zumindest, so sagen die Anhänger von Hobbes, kämpfen wir nicht tagtäglich ums Überleben; zumindest müssen wir uns nicht fürchten, dass uns unser Nachbar eins mit der Keule überzieht. Die Menschheit macht Fortschritte. Schon tragisch, dass die Ureinwohner unter die Räder kamen, als sie der Zivilisation im Weg waren, aber am Ende musste das alles geschehen, auch zu ihrem eigenen Wohl. Schon bald werden alle von der Bildung, den Klimaanlagen, ja überhaupt allen Segnungen der modernen Zivilisation profitieren. Ja, es steht wirklich viel auf dem Spiel in der Debatte über die Natur des primitiven Lebens. Das erklärt vielleicht die ungewöhnliche Heftigkeit und Beständigkeit dieser Kontroverse.

Es ist kein Zufall, dass die Anhänger von Hobbes dazu neigen, fundamentale Strategien der westlich-neoliberalen Demokratie und die weltweite Verbreitung der "westlichen Werte" zu befürworten. Sollte die Industrialisierung mit all ihren Schrecken aber nicht einmal dazu geführt haben, dass es uns besser geht als vorher, dann müssten wir das ganze Programm bis hin zu seinen Grundannahmen hinterfragen. Die Massenmedien und die etablierte öffentliche Meinung stärken tendenziell die Erzählung vom Aufstieg. Zum Beispiel schreibt Steven Pinker in seinem gefeierten Buch "Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit", dass dank der Zivilisation und des Erstarkens der demokratischen Werte Gewalt seit langem abnimmt, weil wir uns über unseren primitiven Urzustand und unsere Biologie erhoben haben (außer den Muslimen, die die westlichen demokratischen Werte noch nicht akzeptiert haben und daher gewalttätiger sind). [1]

Vom Hobbes'schen Standpunkt aus ist die Entwicklungslogik unanfechtbar: Im Rahmen des besagten Entwicklungsverlaufs von der Biologie über die Mechanik zur virtuellen Realität sind manche Kulturen weiter, also "fortschrittlicher", als andere. Die Konservativen sagen dann: "Pech für die Nachzügler, uns gebührt das Recht auf Macht." Die Linken kontern: "Oh nein, wir müssen ihnen doch helfen aufzuholen!" Aber beide Seiten sind sich einig über das zugrundeliegende Narrativ.

Die anderen, die das Narrativ vom Aufstieg und vom Fortschritt in Zweifel ziehen, werden bezichtigt, "die Vergangenheit zu verklären", wie umfassend ihre Recherche und schlüssig ihre Argumentation auch sein mögen. Ich erinnere mich an eine Unterhaltung, die ich vor kurzem mit einem Wirtschaftsprofessor hatte. Ich zitierte Arbeiten von Marshall Sahlins und Richard Lee, zwei herausragenden Anthropologen der vorigen Generation, die nahelegten, dass Jäger und Sammler sehr viel Freizeit hatten und wenig Angst ums Überleben. Der Professor bezweifelte, dass irgendein seriöses Journal solchen Unsinn veröffentlichen würde. Eine solche Ansicht könne er nur für eine romantische Verklärung der Vergangenheit halten - so heftig widerspricht sie seiner Weltsicht, die die meisten für selbstverständlich halten.

Bezeichnenderweise hat das Wort "romantisierend" eine anti-wissenschaftliche Konnotation, mit der er mir zu verstehen gab, dass ein rationaler, nüchterner Mensch ohne Hang zu romantisch verklärten Phantasien nie bestreiten würde, dass die Menschheit über ihre primitiven Anfänge hinaus Fortschritte gemacht hat. Schließlich ist die Wissenschaft selbst ein untrennbarer Bestandteil dieses Aufstiegs. Die Wissenschaft liefert nicht nur jene Weltsicht, die die Moderne definiert, sie ist außerdem auch die Grundlage der Technologie, auf der das moderne Leben basiert. Auch die konventionelle evolutionäre Biologie geht von einem Hobbes'schen Naturzustand aus, wenn sie von eigennützigen Genen spricht, die die Organismen darauf programmieren, ihr reproduktives Eigeninteresse zu maximieren. Eine solche Vorstellung von Genen und Evolution sind nicht mehr der neueste Stand der Biologie, aber sie halten sich als beliebte Argumente für die Erzählung vom Aufstieg und von der Entwicklung. Ein neues Paradigma von Symbiose, Kooperation und Interdependenz ist im Aufkeimen, wo Wettbewerb eine geringere Rolle spielt. Diese Eigenschaften sind nicht ausschließlich den zivilisierten Menschen eigen und nicht einmal der Menschheit vorbehalten: auch Tiere, das erkennen wir zunehmend, zeigen das Potential für Empathie und Altruismus. [2]

Es muss kaum gesagt werden, dass unser Wirtschaftssystem sich ganz mit der Weltsicht des Aufstiegs deckt: erstens gibt es immer mehr Schulden als Geld. Dadurch werden die Einzelnen zu Konkurrenten gemacht, und es scheint am Ende so, als läge Konkurrenz in der Natur des Menschen. Der Ökonom mit seinem düsteren Menschenbild beruft sich auf den Biologen und sagt: "Menschen streben egoistisch danach, ihre finanziellen Gewinne zu maximieren". Zweitens erfordert unser System Wachstum, wodurch wir gezwungen sind, immer mehr Natur in Besitz zu nehmen und zu Geld zu machen. Drittens und im Zusammenhang damit fördert unser System die Unterwerfung der Natur, indem alles unter einem utilitaristischen Gesichtspunkt bewertet wird: "Was nützt es uns?" Zuletzt spiegelt unser System das Bestreben der Wissenschaft wider, alles in Zahlen auszudrücken. Eine Vielzahl von oft qualitativen Werten wird in ein einziges Maß für Wert namens Geld gepresst. Wie wir gesehen haben, sind gerade diese Eigenschaften des Geldes der Motor, der die ökonomische Entwicklung antreibt. Solange man sich innerhalb des Narrativs vom Aufstieg bewegt, ist wirtschaftliche Entwicklung als Ziel so gut wie unantastbar.

Ein lebendiges Universum

Dieses Narrativ vom Aufstieg der Menschheit beruht seinerseits auf einer noch tiefer verankerten Weltsicht, die in der Wissenschaft (wie sie uns geläufig ist) zum Ausdruck kommt. Ich nenne sie die "Erzählung von der Getrenntheit": wir sind vereinzelte Individuen in einem uns äußerlichen Universum, das keine Wesenseigenschaften besitzt. Ein Sammelsurium aus austauschbaren Partikeln und unpersönlichen Kräften ist das Universum - fremd, ohne Sinn und tot. Wir assoziieren Fortschritt mit einer zunehmenden Beherrschung der Natur, weil wir nicht wahr haben wollen, dass das Universum aus sich heraus schöpferische Energie, Heiligkeit und Sinn birgt. Wenn wir erkennen, dass die Natur selbst dynamisch, schöpferisch und lebendig ist, dann müssen wir sie gar nicht mehr überwinden, sondern einfach nur vollständiger an ihr teilhaben.

Was will das Land? Was will der Fluss? Was will der Planet? Das sind unsinnige Fragen, solange man nicht dem Land, dem Wasser oder dem Planeten eine Form von Bewusstsein zugesteht. Die Wissenschaft hat uns gelehrt, dass das eine anthropomorphe also vermenschlichende Übertragung wäre: ohne ein zentrales Nervensystem kann das Land nicht irgendetwas "wollen". Die Welt außerhalb unserer selbst hat keine Wesenseigenschaften: kein Streben, keine Intelligenz, keinen Sinn, kein Bewusstsein, keine Heiligkeit. Daher können wir ohne Bedenken die Welt unterwerfen, weil die tote Grundmaterie der Natur schließlich nicht mehr ist als ein Konglomerat austauschbarer Teilchen, die von unpersönlichen Kräften herumbugsiert werden.

Vergessen Sie nicht, dass die meisten, wenn nicht alle, vormodernen Kulturen genau das für selbstverständlich hielten, was die Wissenschaft bestreitet. Ihre Welt war eine lebendige. Wesenseigenschaften schrieb man nicht nur Menschen und Tieren zu, sondern auch Pflanzen und sogar Bergen, Felsen, Wolken und dem Wasser. Mit einer solchen Weltsicht war der Respekt für die Natur eine Selbstverständlichkeit. Entwicklung - sozialen und technologischen Fortschritt - könnte es in einer solchen Gesellschaft geben, aber nicht in der Form, dass man der Natur seinen Willen aufzwingt. Man würde auf die Natur hören und versuchen zu verstehen, was aus der Beziehung zwischen den Menschen und dem Rest der Schöpfung entstehen möchte. Man würde fragen: "Welches sind unsere besonderen Fähigkeiten, und wie können sie dem Ganzen dienen?" Weil sie die Welt als lebendig, empfindsam und zuhörend ansahen, vollzogen Kulturen, die wir als primitiv bezeichnen, gewöhnlich viele Rituale: ein Ritual, um die Lampe anzuzünden, eines, um den Bewässerungskanal zu öffnen, eines, um das Samenkorn zu pflanzen, eines, um bei jedem Mahl das Brot zu brechen, sogar eines, wenn man den Raum betrat. Das Leben war ein beständiger Dialog mit einem lebendigen Universum.

Bildung wird gewöhnlich als einer der unbezweifelbaren Vorteile der Entwicklung gesehen, aber so wie bei der (in Geld gemessenen) Armut ist diese Sache nicht so trivial. Bildung, wie sie in den Schulen vermittelt wird, untergräbt die auf Ritualen basierende Weltsicht auf mehreren Ebenen. Erstens trennt sie die Kinder physisch vom Land und den Lebensvorgängen. Vom Klassenzimmer aus betrachtet scheint das Universum in der Tat tot zu sein. Zweitens ersetzt sie die nicht-mechanischen Rituale einer lebendigen Weltbeziehung durch eine neue Art von Ritualen: durch Prüfungen, die Uhr und die Pausenglocke. Drittens vermittelt der Lehrplan eine wissenschaftliche Weltsicht, die einer Anschauung, in der es Platz für das Heilige gibt, widerspricht. Viertens wird das moderne Leben eines gebildeten Menschen, der in einer Stadt für ein Einkommen arbeitet, als erstrebenswertes Ziel vermittelt. Und schließlich wird eine Form des Wissens als die einzig wahre dargestellt: Es gibt eine äußerliche Welt bestehend aus Objekten und Fakten. Alternative Wissenssysteme und lokale Wege, zu Wissen zu kommen, werden als unzulässig dargestellt.

Die zentrale Grundhaltung von Kolonialismus ist: "Unsere Methoden sind besser als eure." Heute bezweifeln viele Menschen in den kolonialisierenden Gesellschaften, wenn sie mit dem rapiden Verfall der ökologischen Grundlage unserer Zivilisation konfrontiert sind, ob unser wirtschaftliches Vorgehen wirklich dem, das wir einmal als rückständig bezeichneten, überlegen ist. Und nicht nur dies ist zu hinterfragen, sondern allgemein die Herangehensweisen - ans Sehen, ans Heilen, ans Anbauen von Nahrungsmitteln, ans Wissen -, die wir auch alle für überlegen gehalten hatten. Ein westlicher Umweltschützer bewundert vielleicht den nachhaltigen Umgang einer traditionell lebenden Dorfbewohnerin mit Wasser und möchte, dass diese Praxis nicht verloren geht. Aber wahrscheinlich hält er die Rituale rund ums Wasser für entbehrliches Beiwerk. Er wird wahrscheinlich gegen die Privatisierung von Wasser sein, gegen die Grundwasserabsenkung durch den Zugriff der Industrie und gegen die Verschmutzung von Flüssen und Seen. Aber geht er so weit zu sagen: "Wir müssen Schutzmaßnahmen setzen, weil Wasser ein lebendiges, heiliges Wesen ist, das respektiert werden muss"? Oder steht nicht in erster Linie die instrumentelle Vernunft, die nutzenorientierte Sorge was passieren wird, wenn wir das Wasser vergeuden und verschmutzen? Mit anderen Worten, sind es am Ende wirklich wir, die besser wissen als die "sich entwickelnde" Welt, was es mit der Natur und dem Universum auf sich hat?

Folglich geht es jetzt nicht primär darum, dass wir im entwickelten Westen einmal mehr das neueste Wissen - selbst wenn wir glauben, es sei "grün" - an die rückständigen Menschen im Rest der Welt weiterleiten müssen. Umgekehrt sind wir es, die von ihnen lernen müssen, weil wir zum Großteil vergessen haben, wie man auf die Natur hört, wie man sich ihr als einem intelligenten, heiligen Wesen annähert. Wir sind es, die diese Art zu sehen "entwickeln" und sie dann anzuwenden lernen müssen, um unsere Gesellschaft und alles, dem wir Schaden zugefügt haben, wieder zu heilen. Das heißt aber nicht, dass wir gar nichts haben, was wir der Welt schenken können: Einige Technologien wie Photovoltaik, Solaröfen und manche landwirtschaftlichen Entdeckungen könnten harmonieren mit älteren Erzählungen über die Welt. Ich glaube daran, dass wir sogar Wege finden werden, Elektronik und das Internet so zu verwenden, dass sie lokale, landbasierte ökologische Lebensweisen fördern und nicht verhindern. Jeder auf der Welt kann von den anderen lernen. Aber jene unter uns, die in einer Weltsicht gefangen sind, die auf dieser absterbenden und todbringenen Erzählung vom Aufstieg und von der Getrenntheit basiert, jene sind es, die am dringendsten und umfassendsten von den anderen zu lernen haben. Die, die sich der Kolonialisierung widersetzt haben, können uns helfen, uns auch wieder zu ent-kolonialisieren.

Wir stehen am Übergang zu Neuland. Je größer das Ausmaß war, das Gesellschaften annahmen, desto tiefer verirrten sie sich in der Erzählung vom Aufstieg und von der Getrenntheit. Sogar Gilgamesch erntete Ruhm für seine Unterwerfung der Natur. Letzt liegt vor uns die Herausforderung, die Weltanschauungen kleiner Gesellschaften auf den Maßstab von Milliarden Menschen zu übertragen. Wie sähe eine Massengesellschaft aus, die die Natur nicht als ein zu beherrschendes Objekt und als Ressourcenquelle betrachtet, sondern als eine heilige Mutter, die intelligent ist und lebendig? Wie könnte sich Entwicklung gestalten, wenn traditionelle Weltbilder nicht als Relikte einer abergläubischen Vergangenheit angesehen würden, die es zu überwinden gilt, sondern als essentielle Wissensquellen darüber wie man auf diesem Planeten lebt? Was für Technologien könnte es geben, wenn sie erfunden wären als Heilmittel für die Natur gegen den Schaden, der in den letzten fünftausend Jahren angerichtet wurde?

Die Erzählung vom Aufstieg, die Erzählung von der Getrenntheit und all die Institutionen, die auf ihnen basieren, sind in der Krise. Ein wichtiger Teil davon ist die Wirtschaftskrise. Im gleichen Maß, in dem sich diese Krise verstärkt, wächst für die vorherrschende Kultur die Notwendigkeit, neue Erzählungen zu finden. Diese, das werden wir erkennen, sind überhaupt gar nicht neu, sondern haben in den Winkeln der Welt, die den Auswirkungen von Kolonialismus und Entwicklung mehr oder weniger entkommen sind, auf uns gewartet. Das wahrscheinlich Wichtigste, das die Menschen an jenen Orten tun können, ist es, ihre Welterzählungen zu bewahren und weiter zu entwickeln. Wir werden sie für unsere kommende "Entwicklung" brauchen.

[1] Edward Herman und David Peterson kritisieren die Hauptargumente dieses Buchs vernichtend (Steven Pinker on the alleged decline of violence, International Socialist Review, Issue 86).
[2] Siehe zum Beispiel das Buch "Das Prinzip Empathie. Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können" (Orig.: The Age of Empathy), Carl Hanser Verlag, München 2011, von Frans de Waal.

Das Zeitalter, in dem wir einander brauchen

Von Charles Eisenstein Mittwoch, 5. Juli 2017

Vor fünfzehn Jahren, als ich begann Bücher zu schreiben, hatte ich große Hoffnungen, eines Tages "entdeckt" zu werden, und dass "meine Botschaft" dadurch Millionen von Menschen erreichen und die Welt zum Besseren verändern würde.

Diese Ambition wurde schon kurz darauf empfindlich gedämpft, als ich feststellen musste, dass ich nach Jahren harter Arbeit am Buch "Die Renaissance der Menschheit" keinen Abnehmer in der Verlagswelt finden konnte. Also druckte ich das Buch im Selbstverlag und hoffte immer noch, dass es durch Mundpropaganda zum Bestseller werden würde. Diesen Verlegern würde ich es zeigen! Ich erinnere mich daran, wie ich im August 2007 - fünf Monate nach der Erscheinung, zu einem Zeitpunkt, an dem es schon einiges an Bekanntheit gewonnen haben sollte - einen Blick auf die Verkaufszahlen wagte. In Summe hatte ich diesen Monat fünf ganze Bücher verkauft. Ungefähr zur gleichen Zeit musste ich meine Wohnung räumen (alle meine Hoffnungen und mein Vermögen hatte ich in dieses Buch gesteckt) und verbrachte das darauf folgende halbe Jahr, indem ich vorübergehend in den Häusern anderer Leute lebte, meine Kinder im Schlepptau.

Das war eine schmerzhafte aber auch schöne und klärende Erfahrung, die mich vor die Frage stellte: "Warum machst du diese Arbeit? Weil du hoffst, ein gefeierter Intellektueller zu werden? Oder geht es dir wirklich darum, einem Heilungsprozess an der Welt zu dienen?" Die Erfahrung gescheitert zu sein entlarvte meine geheimen Hoffnungen und Beweggründe.

Ich musste mir eingestehen, dass meine Motivation ein bisschen von beidem gespeist war, vom Wunsch zu glänzen und vom Wunsch zu dienen. Na gut, nicht nur ein bisschen, sondern sehr. Mir wurde klar, dass ich das erstere Motiv aufgeben musste, weil es das zweite verunmöglichte. Um diese Zeit hatte ich eine Vision: Ein spirituelles Wesen erschien mir und fragte mich: "Charles, ist es wirklich dein Wunsch, dein Potential mit deiner Arbeit voll auszuschöpfen und so deinen rechtmäßigen Beitrag zur Entwicklung der Welt zu leisten?"

"Ja," sagte ich, "das ist mein Wunsch."

"Also gut," sagte das Wesen. "Ich kann dafür sorgen, dass das passiert, aber du wirst dafür einen Preis bezahlen müssen. Der Preis ist, dass dir für deine Rolle persönlich nie Anerkennung gezollt werden wird. Die Geschichte, die du erzählst, wird die Welt verändern, aber du wirst nie dafür belohnt werden. Du wirst nie reich sein oder berühmt oder geachtet. Bist du mit diesem Preis einverstanden?"

Ich versuchte, mich herauszuwinden, aber das Wesen war unnachgiebig. Wenn es nur ein Entweder-Oder gab, wie sollte ich mit mir selbst weiterleben, wenn ich im innersten Herzen wüsste, dass ich meine Bestimmung preisgegeben hatte? Also sagte ich ja zu seinem Angebot.

Natürlich stellte sich mit der Zeit heraus, dass es eigentlich keine entweder-oder Situation war. Aber dieser klärende Moment war so wichtig, weil ich meine innerste Loyalität deklarierte. Nachdem das einmal geschehen war, konnte die Anerkennung sich einstellen oder auch nicht, sie war zum Nebeneffekt geworden, aber kein Ziel mehr für mich. Schließlich ist die Arbeit, die ich mache, nicht "meine" Arbeit. Das sind Ideen, deren Zeit gekommen ist, und sie brauchen fähige Leute, die sie niederschreiben. Unser wahrer Lohn im Leben ist die Genugtuung, die sich einstellt, wenn wir eine Aufgabe gut erledigen. Abgesehen davon, nun gut, regnet es auf alle Dächer gleichermaßen.

Das war der erste Schlag gegen meine großen Ambitionen. Zuerst wurde also mein persönlicher Ehrgeiz zunichte gemacht. Dann wurde im zweiten Schritt meine Hoffnung zerstört, Großes zu leisten, um die Welt zu verändern. Wir wollen ja eine möglichst große Wirkung erzielen, nicht nur eine kleine, aber das ist, wie ich zu verstehen begann, Teil der Krankheit, die es zu heilen gilt. In unserer Kultur werden jene wertgeschätzt und bewundert, die da draußen auf großen Bühnen stehen und zu Millionen von Menschen sprechen, während die anderen ignoriert werden, die eine bescheidene, stille Arbeit leisten und sich um einen kranken Menschen, ein Kind, einen kleinen Flecken Erde kümmern.

Wenn ich einen dieser Menschen treffe, weiß ich, dass ihr Einfluss nicht davon abhängt, ob ihre gute Tat im Internet viral verbreitet und von Millionen Menschen gesehen wird. Selbst wenn kein Mensch da draußen jemals davon erfährt, und wenn ihr niemals jemand dafür danken wird, dass sie sich um diese eine alte Frau mit Demenz kümmert und ein normales Leben dafür opfert, sendet diese Entscheidung Wellen hinaus durch den Stoff, aus dem die Kausalität besteht. Aus einem Abstand von fünfhundert oder fünftausend Jahren betrachtet haben diese Menschen keinen geringeren Einfluss als ein Präsident.

Bestimmte Entscheidungen fühlen sich unwillkürlich bedeutsam an. Das Herz ruft uns auf zu handeln, ohne dass unsere Vernunft das angesichts der globalen Probleme rechtfertigen kann. Die Logik, dass nur das Große zählt, kann uns das Gefühl geben, bedeutungslos zu sein. Sie verleitet uns, Bedeutsamkeit auf die Leute zu projizieren, die wir auf unseren Bildschirmen sehen. Aber im Wissen, dass gerade diese Leute im Namen der Weltverbesserung schon so viel Schaden angerichtet haben, wurde ich es leid, dieses Spiel zu spielen.

Rein rechnerisch betrachtet leistet man einen geringeren Beitrag für die Welt, wenn man nur einem Menschen hilft und nicht tausend. Also möchte man hochskalieren, groß werden. Mit einer anderen kausalen Logik ist das nicht notwendig, einer Logik in der Gewissheit, dass "Gott alles sieht", oder einer Logik der morphischen Resonanz, wonach jede Veränderung an einem Ort ein Feld erzeugt, das ermöglicht, dass die gleich Veränderung woanders auch passieren kann. Barmherziges Handeln stärkt das Feld der Barmherzigkeit, liebevolles Handeln das Feld der Liebe, hasserfülltes Handeln das Feld des Hasses.

Es ist auch nicht notwendig hochzuskalieren, wenn wir darauf vertrauen, dass die Aufgaben, die uns das Leben stellt, Teil eines größeren Ganzen sind, das von einer intelligenten Kraft getragen ist, die uns genau zur rechten Zeit an den richtigen Ort setzt.

Ich war unlängst als einer von mehreren hundert Trauergästen auf dem Begräbnis eines Bauern, Roy Brubaker aus Mittel-Pennsylvanien. Ein junger Farmer hielt eine Grabrede und sagte ungefähr Folgendes: "Roy war es, der mir beigebracht hat, was Erfolg in Wirklichkeit ist. Erfolg ist die Fähigkeit, immer für seine Nachbarn da zu sein. Wann immer jemand mit einem Problem anrief, legte Roy beiseite, was er gerade tat, und war zur Stelle um zu helfen."

Der Bauer hatte bei Roy ein Praktikum gemacht. Als er sich dann selbstständig machte und so zu einem Konkurrenten für Roy wurde, half Roy ihm weiter mit Rat und Tat und kündigte sogar auf seiner eigenen Mailing-Liste an, dass sein neuer Konkurrent dabei war, einen CSA Betrieb zu gründen. Am Ende seiner Rede sagte der junge Bauer: "Ich hatte geglaubt, dass Roy deswegen so vielen Leuten helfen konnte, weil er ein erfolgreicher Bauer war, der es geschafft hatte. Aber jetzt glaube ich, dass es ihm wahrscheinlich nicht viel anders ging als mir mit fünfzig Pflanzensorten, die alle zugleich meine Aufmerksamkeit brauchen und noch tausend anderen Dingen, die es zu tun gibt. Aber trotzdem war er für die Menschen da."

Roy hat nicht darauf gewartet, bis er es geschafft hatte, um erst dann anzufangen großzügig zu sein.

Solche Menschen sind es, die die Welt zusammenhalten. Sie sind es, die in der Praxis dafür sorgen, dass die Gesellschaft ihren Zusammenhalt trotz der allgegenwärtigen Ungerechtigkeit, Armut, Traumata und so weiter nicht verliert. Und sie spannen ein Feld der Liebe auf, das uns anderen hilft, unserer Bestimmung zu folgen und nicht unserem persönlichen Ehrgeiz.

Je öfter mir solche Menschen über den Weg laufen und mir ihre Geschichte erzählen, desto mehr wird mir klar, dass ich mir keine Sorgen machen muss, ein möglichst großes Publikum zu haben oder "Menschen mit Einfluss" zu erreichen. Meine Aufgabe ist es, meine Arbeit mit so viel Liebe und Aufrichtigkeit zu tun, wie ich nur kann. Ich darf darauf vertrauen, dass die richtigen Leute meine Texte lesen werden. Ich bin beeindruckt und fühle mich klein, wenn ich Menschen wie Roy auf meinen Reisen und in meinem Lebensumfeld begegne. Ihr Handeln ist voll bescheidener Hingabe und Liebe, es ist mutig und von großem Vertrauen getragen, und im Gegensatz zu mir haben sie nicht tausend Leute, die ihnen sagen, wie wichtig ihre Arbeit ist. Recht oft werden sie sogar von unserem System und unserer Kultur entmutigt, indem sie als dumm, naiv, unverantwortlich oder unpraktisch dargestellt und kaum finanziell entlohnt werden. Wie oft hat man Ihnen gesagt, dass es unrealistisch sei, sein Leben der Schönheit oder der Pflege oder dem Heilen zu widmen? Erst wenn man seinen Bauernhof tiptop auf Vordermann gebracht, wenn man für sich persönlich ausgesorgt hat mit einer soliden Karriere und sicheren Investitionen, erst dann kann man sich vielleicht ein kleines bisschen Großherzigkeit leisten. Also bewundere ich Menschen, die zuerst einmal großherzig sind - großzügig mit ihrem wertvollen Leben. Sie sind meine Lehrer. Sie haben meine Ambition zunichte gemacht, groß rauskommen zu wollen - selbst unter dem Vorwand, damit der guten Sache zu dienen.

Das erinnert mich an eine Zen-Geschichte, in der ein Bote des Kaisers zu einem Zen-Meister kommt. "Der Kaiser hat von Euren Lehren gehört und möchte, dass Ihr an seinen Hof kommt, um der offizielle kaiserliche Lehrmeister zu werden."

Der Zen-Meister lehnte die Einladung ab.

Ein Jahr später wurde die Einladung wiederholt. Diesmal nahm der Zen-Meister an. Als er gefragt wurde, warum, antwortete er: "Als ich die Einladung das erste Mal erhielt, wusste ich, dass ich noch nicht bereit dafür war, weil ich von freudiger Erregung erfasst wurde. Ich dachte, das wäre eine großartige Gelegenheit, das Dharma am ganzen Hof zu verkünden. Dann wurde mir klar, dass mich ein solcher Ehrgeiz als Lehrer disqualifizierte, weil ich einen Schüler für wichtiger als die anderen hielt. Ich musste warten, bis ich den Kaiser so sehen konnte, wie jeden anderen Menschen auch."

Dank der bescheidenen Menschen, die die Welt zusammenhalten, lerne ich, den Kaiser nicht mehr für wichtiger als jeden anderen Menschen zu halten. Jetzt leitet mich ein bestimmtes Gefühl von Resonanz, Neugier oder Stimmigkeit.

Und gerade jetzt, da ich meine Ambitionen in Sachen Karriere überwunden hatte, lud mich Oprah Winfrey zu einem Interview (noch dazu) für die Show 'Super Soul Sunday' ein. Vor fünf Jahren hätte ich Herzklopfen vor Aufregung gehabt bei dieser Aussicht ganz groß rauszukommen, aber jetzt war ich einfach neugierig auf dieses Abenteuer. War diese Stunde objektiv wichtiger als eine Stunde, die ich mit einem Freund in Not verbrachte? Oder eine Stunde, in der man einen Fremden in die Notaufnahme bringt?

Jedenfalls sagte ich trotzdem sofort zu, und ich wunderte mich zugleich, dass sich meine Welt mit ihrer überschnitt. Sehen Sie, Oprah lebt fast in einem anderen Universum als ich in meinem Winkel der Gegenkultur. Könnte es sein, denke ich, und mein Herz macht einen Sprung, dass sich sie Kluft zwischen unseren Welten verringert? Könnte es sein, dass der Mainstream schon bereit ist für die Ideen, denen ich diene, und das Bewusstsein, für das ich eintrete?

Das Gespräch mit Oprah erscheint mir als Meilenstein, der einen Zeitenumbruch markiert. Ich war so erstaunt, dass jemand in ihrer Position von meinen Texten überhaupt Notiz nimmt, weil sie doch sehr weit jenseits des Mainstream-Diskurses liegen. (Zumindest habe ich in den Mainstream-Medien nie auch nur etwas annähernd Ähnliches gefunden wie meinen Artikel zur Wahl, durch den sie auf mich aufmerksam geworden war.) Unser Treffen ist vielleicht ein Zeichen, dass der in unserem Land altbekannte polarisierte gesellschaftliche Diskurs nicht mehr funktioniert, und dass ihre Leute - das riesige, überwiegend dem Mainstream zuzurechnende Publikum, das sie bedient - willens sind, über ihren Tellerrand hinauszuschauen.

Ich möchte damit keinesfalls Oprahs persönliche Eigenschaften schmälern. Ich erlebte sie als clever, einfühlsam, herzlich, und sogar bescheiden, eine Meisterin ihres Faches. Aber ich denke, dass ihre Kontaktaufnahme mit mir auf mehr zurückzuführen ist als auf ihre Persönlichkeit. Ich sehe mich selbst manchmal als eine Art Empfangsantenne für Information, nach der ein bestimmter Teil der Menschheit sucht. Endlich hat sich herausgestellt, wofür der versponnene Schuljunge taugt. In einem viel größeren Maßstab ist Oprah auch etwas Ähnliches: Sie ist nicht nur sie selbst, sondern ein Avatar des kollektiven Bewusstseins. Wenn sie ihrem Publikum etwas Neues präsentiert, dann weiß sie wahrscheinlich, dass ihre Zuseher dafür bereit sind, so feinfühlig ist Oprah auf ihr Publikum eingestellt.

Während unserer Unterhaltung hatte ich manchmal das Gefühl, dass sie gern näher auf manche Dinge eingegangen wäre, die sie persönlich interessierten, dass sie sich aber zurücknahm, um die Antenne für ihr Publikum und im Rahmen des Sendeformats zu bleiben, in dem kein Platz für meine gewöhnlich langen Abhandlungen ist. Ich versuchte indessen, meine Ideen für ein Mainstream-Publikum verständlich zu formulieren, von dem ich nicht erwarten konnte, dass es mit einigen meiner grundlegenden Denkkonzepte vertraut war. Zeitweise fühlte sich unsere Unterhaltung ein bisschen unbeholfen an, während wir uns an eine Struktur herantasteten, so, als versuchten wir, ein sehr großes Haus mit einer bunt zusammengewürfelten Mischung schöner aber seltsamer Möbel einzurichten. Trotzdem gelang es uns, denke ich, eine Ecke gemütlich genug zu gestalten, dass sich Menschen eingeladen fühlten, dort Platz und eine neue Perspektive einzunehmen.

In den Jahren seit meiner Begegnung mit dem spirituellen Wesen habe ich begonnen, mich am Rand der Kultur, wo meine Arbeit einen Platz gefunden hat, wohl zu fühlen. Ich reise weniger und halte weniger Vorträge, um mehr Zeit mit meinen Lieben zu verbringen, und um mich mit den Quellen des Wissens in der Natur, in der Stille und in innigen Beziehungen zu verbinden. Ich lebe gerade mit meiner Familie auf dem Bauernhof meines Bruders, wo ich halbtags mithelfe und den Rest der Zeit mit Schreiben verbringe. Die öffentliche Aufmerksamkeit, die meinem Auftritt bei Oprah folgen könnte (oder auch nicht - es könnte auch nur ein kleines Aufblitzen am Radar sein), stellt mich vor eine neue Frage, das Gegenteil dessen, was mich nach meinem anfänglichen "Scheitern" beschäftigte. Wenn es der Sache dient, bin ich dann bereit, meine mittlerweile liebgewonnene Zurückgezogenheit zu opfern? Wenn es der Sache dient, bin ich dann bereit, auch in anderen Shows aufzutreten, auch wenn meine Gastgeber dort nicht so wohlwollend sind wie Oprah? Bin ich bereit, mehr zu einer öffentlich bekannten Person zu werden und mit den zu erwartenden Projektionen, positiven wie negativen, umzugehen? Habe ich die Kraft nicht zu vergessen, wer die wirklichen "Super-Seelen" sind, die Roy Brubakers, die Delphinretterinnen, die Hospizarbeiter, die Pflegerinnen, die Friedenszeugen, die unbezahlten Heilerinnen, die bescheidenen Großväter, die mit ihrem Enkelkind Beeren pflücken gehen, die alleinerziehenden Mütter, die sich abrackern, um alles im Griff zu behalten - die alle nicht im Traum daran denken, dass ihre gewaltigen, geduldigen Anstrengungen einen Einfluss auf die ganze Welt haben?

Lassen Sie mich ehrlich sein: Wären meine Erfolgsfantasien nicht sowieso vor dem totalen Zusammenbruch gestanden, hätte ich das Angebot des spirituellen Wesens vielleicht abgelehnt. Übrigens ist das ein Angebot, das sich ständig erneuert. Jeden Tag werden wir gefragt: "Welcher Sache willst du dienen?" Ich hatte nicht von mir aus die Stärke, ja zu sagen zu einem Leben im Dienst an einer Sache. Auch hätte ich sie jetzt nicht ohne die Hilfe, die ich von anderen bekomme, die dieses Feld aufrechterhalten, den Menschen, die mir jeden Tag wieder Bescheidenheit beibringen durch ihre Großherzigkeit, Ernsthaftigkeit und Selbstlosigkeit. Wenn ich etwas Sinnvolles tun kann, dann nur durch Euch.

Wenn es stimmt, dass mein Auftritt bei Oprah ein Zeichen (wie klein auch immer) dafür ist, dass sich einst dominante Weltsichten auflösen, dann konnte das nur passieren, weil die neue Weltsicht, für die ich mich einsetze, so stark von mittlerweile so vielen getragen wird. Nehmen wir es als ein ermutigendes Zeichen. Ob das Gespräch nun ein Durchbruch für die Ideen von Empathie und Intersein, über die wir sprachen, war oder nicht, jedenfalls nähern sie sich anscheinend an die Konsensrealität an. Wir werden hier nicht mehr lange allein sein. Ich danke allen, die das Wissensfeld, von dem ich spreche, aufrechterhalten, die an meine Worte glauben - sogar mehr als ich selbst, und die mich somit in dem bestärken, was Sie bestärkt. So gelingt uns der Übergang vom Zeitalter der Separation zum Zeitalter, in dem wir einander brauchen.

 

Charles Eisenstein zu Gast bei Oprah Winfrey: “Super Soul Sunday” – 16. Juli 2017

Transkript: Marcy Gold
Übersetzung: Nikola Winter

Oprah (Einleitung): Heute ist der Autor, Kulturphilosoph und Redner Charles Eisenstein bei Super Soul Sunday zu Gast. Charles ist bekannt geworden für seine außergewöhnlichen Ansichten über unsere Kultur, die er in provokanten und zum Nachdenken anregenden Essays online veröffentlicht. Er fordert seine Leser auf, die Wut und Empörung zwischen so vielen Amerikanern neu zu denken.

C: Alles, was der Welt angetan wird, wird auch uns angetan, und ob wir es glauben oder nicht, wir können das immer noch FÜHLEN.

O: Und verstehen, dass hinter der Raserei eigentlich eine schmerzliche Sehnsucht nach Wiedervereinigung steht.

C: Das war es im Grunde, was Martin Luther King sagte. Man kann Hass als Waffe benutzen, aber man kann Hass nicht mit Hass besiegen.

O: Ganz genau.

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O: Ich diesen Einstieg gewählt, weil dieses Thema, in jedem Gespräch, wo immer man hinkommt, die Menschen beschäftigt, aber sie können nicht auf den Punkt bringen, worum es eigentlich geht. Schauen wir uns also unser momentanes politisches Klima an. Wir sehen, dass uns täglich tausend Dinge daran erinnern, wie wütend, wie gespalten unser Land mittlerweile ist. Es fühlt sich an, als erlebten wir gerade jetzt einen Moment, in dem wir wirklich etwas lernen könnten. Und ich glaube, dass uns, wenn wir nicht jetzt zu einer Form von Empathie und Mitgefühl finden, ganz andere Lektionen bevorstehen, für die wir im Moment überhaupt nicht bereit sind.

Glauben Sie, dass unser Land jetzt offen ist zu lernen?

C: Noch nicht ganz. Aber bald. Ich sähe so gern, dass unser Land bereit ist zu lernen. Manchmal sagt man das über einen Menschen: "Diese Erfahrung hat ihn empfänglich gemacht, ganz weit geöffnet", und jetzt beginnt er zu schluchzen, jetzt kommt die Trauer heraus, jetzt ändert er seine Sicht aufs Leben. Das ist noch nicht passiert. Wir halten immer noch an der alten Geschichte fest, an unserer alten "Normalität".

Und dazu gehört, worüber Sie eben sprachen: die polarisierte, hasserfüllte Politik, in der zwei Seiten immer fester und fester und fester auf ihren extremen Meinungen übereinander und auf ihrer oberflächlichen Diagnose, dass die anderen "bösen" Menschen das Problem sind, beharren.

O: Ja genau, DIESE Menschen sind schuld, und die sagen dann, die anderen sind es, und schon schreit jeder den anderen nieder. Ich liebe Ihren Artikel, den Sie zwei Tage nach der Wahl in diesem Jahr veröffentlichten, er hieß: "Über Hass, Trauer und eine Neue Geschichte". Und Sie schrieben ihn, weil...

C: Weil ich beunruhigt und zutiefst traurig über dieses Ausmaß von Hass und diese ständige Kriegsmentalität war...
O: Auf beiden Seiten.

C: Auf beiden Seiten, ja. Jede Seite glaubt, dass die anderen die "Bösen" sind. Und ich erkenne da ein Muster. Ich glaube, es gehört zu diesem Mythos, auf dem unsere Kultur basiert. Es ist ein Rezept, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und das Rezept lautet: Finde zuerst den Bösewicht oder etwas, das Schuld ist, und dann erkläre ihm den Krieg. Bringe es unter deine Kontrolle.

O: So funktionieren unsere Geschichten. Sie wissen schon, erst braucht man einen Gegner, eine Sache, die man bekämpft. Dann muss man einen Helden finden, dem man folgt, nicht?

C: Genau. Das gleiche Muster in fast jedem Actionfilm. Und was hier fehlt, ist eine tiefere Ursachenanalyse, die viel komplizierter ist. Wenn man die wirklichen Ursachen gefunden hat, passieren zwei Dinge:

Erstens weiß man nicht, was man tun soll, weil die gewohnte Methode, einen Schuldigen zu finden und zu bekämpfen, nicht funktioniert. Also weiß man nicht, was man tun soll. Ich würde so gerne Politiker sehen, die für ein Amt kandidieren und sagen: "Gesundheitssystem, Immigration - ich weiß nicht, was zu tun ist." Wäre das nicht einmal eine erfrischende Abwechslung, jemand der einfach sagt: "Ich weiß nicht, was zu tun ist," statt immer einen Plan haben zu müssen, in dem nur Strategien wiederholt werden, die auf einer Kriegsmentalität basieren, und die nicht helfen?

Und das zweite, was passiert, ist, dass man erkennt: "Ich bin auch Teil des Problems, wir sind auch Teil des Problems. Es ist nicht einfach irgendjemand anderer."

O: Ich glaube nicht, dass die Menschen erkennen, dass sie Teil des Problems sind. Genau deshalb sitze ich heute hier und spreche mit Ihnen. Weil ich glaube, dass Sie genau das mit Ihren Essays tun: Sie versuchen uns zu zeigen, dass WIR Teil des Problems SIND. Unsere Rolle als Teil des Problems zu sehen, weil wir immer noch denken "DER ist schuld, DIE sind es, DIE müssen ihre Fehler ausbügeln (C: Genau), wenn DIE nur zur Vernunft kommen", oder: "Wären DIE bloß nicht so 'bedauernswert'," oder welche Formulierungen man so verwendet, um die andere Seite, die anderen Menschen, die nicht so denken wie man selbst, schlecht zu machen.

Im Grunde genommen sagen Sie also in "Über Hass, Trauer und eine Neue Geschichte", dass wir aufhören müssen zu hassen.

C: Weil es eine Täuschung ist. Sie basiert auf Wertungen, die nicht wahr sind. So als würde ich sagen (und das passiert auch im täglichen Leben), dass du das und das machst, weil du ein schlechterer Mensch als ich bist. Wäre ich an deiner Stelle, in der Gesamtheit deiner Lebensumstände, würde ich es besser machen. Ich wäre als armer weißer Landbewohner kein Rassist, ich würde das und das nie sagen. Aber wäre man wirklich dieser Mensch in seiner ganzen Lebenssituation, dann würde man auch genau so handeln. Und jede Bewertung, mit der man aussagt: "Ich bin anders als du..."

O: "Ich bin besser als du..."

C: ... bedeutet, dass es hier an Verständnis fehlt, und daher würde ich die "neue Geschichte" oder die "nächste Geschichte", die davon ausgeht, dass wir in einem gewissen Sinn alle eins sind, die "Geschichte vom Intersein" nennen. Wäre ich in deiner Situation, täte genau das, was du tust, und wenn ich das nicht glaube, verstehe ich deine Situation nicht.

O: Das Wichtige, die Frage, die Sie in Ihrem Essay aufwerfen, und die mir so wesentlich schien, ist: "Wie fühlt es sich an, du zu sein?"

C: Ja.

O: Das fasziniert mich so, weil es gerade das ist, was ich herauszufinden versuche, wenn ich mich, wie so oft schon und in so verschiedenen Situationen in meiner Laufbahn, mit einem anderen Menschen zum Gespräch hinsetze: "Wie fühlt es sich an, du zu sein?" Und Sie sagen, dass jeder von uns diese Frage nach "dem anderen" stellen soll, nicht in einem rhetorischen Sinn, sondern mit dem aufrichtigen Wunsch zu erkennen, wie es sich tatsächlich anfühlt, du zu SEIN.

C: Genau, sonst bleiben wir im alten Drama gefangen, in dem der Feind bekämpft werden muss. Also werden wir zum Beispiel nie...

O: Und wir werden verlieren, wir werden diesen Kampf verlieren!

C: Selbst wenn wir die Schlacht gewinnen, den Kampf werden wir verlieren. Man kann die Schlacht vielleicht gewinnen, zum Beispiel, wenn man als Politiker so viel Wut, Empörung und Hass gegen die andere Seite schürt, dass man die Wahl gewinnt, aber man hat damit die Grundbedingungen für den Hass verstärkt. Das sagte im Prinzip Martin Luther King. Man kann Hass als Waffe benutzen, aber man kann Hass nicht mit Hass besiegen.

O: Ganz richtig.

***
(Vorankündigung für den nächsten Abschnitt: O: Sagten Sie nicht einmal, dass Hass ein Leibwächter der Trauer ist?)

***

O: Wir sprachen vorhin über Ihren Essay, den Sie nach der Präsidentschaftswahl schrieben. Sie riefen darin die Leser auf, den Hass nicht weiter zu verstärken, der entsteht, weil jeder glaubt, besser als die anderen zu sein. Denn Sie meinen, dass alle an derselben Wunde leiden. Was ist Ihrer Meinung nach die größte Wunde, die es auf der Welt gibt?

C: Ich nenne sie die Wunde der Separation. Wir fühlen uns abgeschnitten von all dem, womit wir ganz innig verbunden sein sollten. Und das nährt den Hass; zum Beispiel Hass-Postings: Scheinbar fühlt es sich gut an, Witze auf Kosten anderer zu reißen. Aber fühlt sich das WIRKLICH gut an?

O: Es fühlt sich vielleicht in diesem Moment gut an. Ich glaube, es gibt Leute, die sich richtig gut fühlen, wenn sie in den sozialen Medien die Sau rauslassen und das Gefühl haben, jemanden wirklich verletzen zu können. Aber diese pragmatische Kultur - tu, was immer nötig ist, sag, was raus muss, ohne Rücksicht auf Verluste, damit du der Sieger bleibst - die hat uns dazu gebracht zu glauben, dass man sich gut fühlt, wenn man bissig und abschätzig mit anderen umgeht.

C: Dieses gute Gefühl ist vielleicht so ähnlich wie ein Drogen-kick: Einen Moment lang fühlst du dich gut, aber es hilft nicht gegen den Schmerz, die Trauer, die dahinter liegen...

O: Und Sie sagen, dass alle Beteiligten diese dahinter liegende Trauer spüren, und dass das nichts Politisches ist, selbst wenn Menschen ihre Wählermacht genutzt und politisch gehandelt haben. Aber dieses Gefühl, den Anschluss verloren zu haben, das Gefühl nicht wertgeschätzt, nicht wichtig zu sein, auf der Welt nichts bewirken zu können, ist auf beiden Seiten weit verbreitet. Das sagen Sie.

C: Das ist das Wasser, in dem wir schwimmen.

O: Als jemand, der die kulturelle Entwicklung der Menschen untersucht, sagten Sie, dass tiefgreifende Veränderung möglicherweise nur nach einem Zusammenbruch stattfinden kann. Und gerade jetzt ist für Millionen Menschen ins Wanken geraten, was bisher für sie Normalität war, wie Sie in Ihrem Essay schreiben. Wie das?

C: Wir hatten ein Rezept für das Leben: Du lernst eifrig und bekommst gute Noten, dann gehst du in eine gute Schule, um einen guten Arbeitsplatz zu bekommen. Du heiratest, du bekommst...

O: Du fährst ein bestimmtes Auto und hast ein nicht zu kleines Haus...

C: ... und wenn du krank wirst, gehst du zum Arzt, der Arzt repariert dich, und du machst mit bei diesem großen Zivilisationsprojekt. Und alles wird gut. Diese Geschichte ist auf allen Ebenen brüchig geworden; sie funktioniert so nicht mehr.

Wir leben nicht in der technologischen Utopie, die uns in den Fünfziger- und Sechzigerjahren versprochen wurde, als wir diese Visionen von der Zukunft als Zeitalter der Muße hatten, mit Robotersklaven, Kolonien im Weltall und der Heilung aller Krankheiten. Es sah doch so aus, als wären wir auf dem besten Weg dorthin, als eine Krankheit nach der anderen heilbar wurde. Aber dann sind all diese neuen Krankheiten aufgekommen, Autoimmunkrankheiten, von denen wir nicht wissen, wie wir sie lösen, wie wir sie heilen können.

Auch in der Politik sollte doch die Geschichte von der amerikanischen Demokratie funktionieren, oder die dahinterliegende Erzählung von "Amerika, dem Land der Freien, der Heimat der Mutigen", das der Welt Frieden und Demokratie bringt. Diese Bilder lassen sich immer schlechter aufrechterhalten.

Bevor eine Geschichte wirklich aufhört zu funktionieren, versucht man besonders krampfhaft, daran festzuhalten. Und das könnten wir gerade zur Zeit in der Politik erleben, bis wir an den Punkt kommen, an dem wir einfach loslassen müssen.

O: Also waren Sie es, der einmal sagte, dass Hass ein Leibwächter für Trauer ist?

C: Ja, genau: Da ist also etwas, das wirklich wehtut, und um diesen Schmerz herum wird eine Geschichte konstruiert, die von Schuldzuweisungen handelt, wodurch der Schmerz zu Hass wird. Aber man könnte ihn im Lichte einer anderen Geschichte erklären oder ganz ohne Geschichte, und ihn nur als solchen wahrnehmen, dann würde er nicht zu Hass.

***

(Vorankündigung für den nächsten Teil: O: Sie schreiben: "Wenn das bewusste Denken keinen Grund findet, nein zu sagen, dann sagt das Unbewusste auf seine eigene Art nein." Was meinen Sie damit?)

***

O: Charles Eisenstein ist der Autor von vier Büchern, deren neuestes den Titel "Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich" trägt. Ich liebe diesen Titel. Charles' Grundannahme ist, dass, egal wie abgehängt wir uns alle fühlen, jeder Mensch, dem wir begegnen, jede Erfahrung, die wir machen, gut oder schlecht, etwas in uns selbst widerspiegelt, in verschiedenen Formen: in Postings in den sozialen Medien, in Schlagzeilen, sogar in ganz alltäglichen Gesprächen. Charles glaubt, dass jedes Wesen in jedem Moment Teil hat am Sein aller anderen Wesen.

O: Was meinen Sie nun damit, dass wir nicht einfach vereinzelte Individuen sind?

C: Wir leben sozusagen nach einer Mythologie, und mit Mythologie meine ich alle unsere Erzählungen, die uns Antworten auf die Grundfragen geben, wie: "Wer bist du?", "Was ist der Sinn des Lebens?", "Was ist die Wirklichkeit?", "Wie kann man Wandel in die Welt bringen?", "Was ist die Bestimmung der Menschheit?" Das sind wirklich grundlegende Fragen, die sich jede Kultur stellt.

O: Ja, ich stelle sie sogar in dieser Show.

C: Ja, und wir hatten eine große Erzählung in unserer Kultur, die diese Fragen beantwortet, und zwar etwa so: Du bist ein vereinzeltes Individuum in einer Welt, die getrennt von dir ist, in einem objektiven Universum, das von anderen vereinzelten Individuen bevölkert wird. Und weil sie getrennt von dir existieren, stehst du in Konkurrenz zu ihnen. Ihr Wohlergehen bedeutet nicht, dass es dir dann auch besser ginge, sondern im Gegenteil könnte ihr Wohlergehen bedeuten, dass sie mehr abbekommen und du weniger. Also stehen wir ständig in Konkurrenz zueinander, umgeben von unpersönlichen Kräften. Diese Erzählung nenne ich die "Geschichte von der Separation". Auf der Ebene der Menschheit handelt diese Erzählung vom Fortschritt der Menschheit und ihrer Bestimmung, die Natur zu unterwerfen...

O: Und andere Lebewesen, die wir als getrennt von uns wahrnehmen.

C: Genau, also ist Gesundheit definiert als Sieg über die Bakterien oder über die Natur, ja sogar über die eigene Natur. Und analog zur Gesundheit sind auch Tüchtigkeit und Erfolg das Ergebnis von Disziplin und Selbstkontrolle oder Kontrolle über die eigenen Sehnsüchte. Diese Beziehung zwischen Menschen und Welt folgt auf der individuellen, der wirtschaftlichen, der ökonomischen, der politischen und auch der ökologischen Ebene immer dem gleichen Muster. Das ist quasi das Gesamtbild, weil das die Mythen sind, die unsere Weltsicht prägen.

O: Sie sagen nun, dass wir bisher so gelebt haben, und dass wir jetzt dabei sind, eine neue Erzählung zu finden. Aber die meisten Menschen sind sich dessen nicht bewusst, dass wir eine neue Erzählung suchen, und deswegen herrscht so große Verwirrung im Moment. Weil die neue Erzählung entsteht, aber so viele Menschen davon noch nichts wissen.

C. Ja, weil wir rundherum noch von den Institutionen der alten Erzählung umgeben sind. Wir leben immer noch in Gemeinschaften, die gar keine wirklichen Gemeinschaften sind, weil wir die Menschen rund um uns nicht kennen, wir sind umgeben von Fremden...

O: Oder wir wissen mehr über die Stars auf den Titelseiten der Magazine oder über das Leben von anderen Menschen, die wir gar nicht kennen und nie kennen lernen werden, als über unseren Nachbarn nebenan.

C: Richtig, also fühlen wir uns einsam. Wenn wir aber gar nicht diese vereinzelten Wesen sind, dann hängt unser Sein, unser Gefühl, auf der Welt zu sein, von unseren Beziehungen ab. Und wenn sich unsere intimen Beziehungen nur innerhalb der Familie abspielen, ich spreche hier nicht von sexueller Intimität, ich spreche davon, wirklich vertraut zu sein: wenn wir unsere Nachbarn nicht kennen und keinen Anteil an der Natur haben, auf intime Weise, dann fühlen wir uns einsam. Wir wissen nicht einmal, wer wir sind. Es fehlt uns eine Identität, wenn wir zusammengeschrumpft auf diese kleinen vereinzelten Ichs sind.

O: Und das ist interessant, weil Sie das selbst so empfunden haben; ich glaube Sie nennen das in "Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich" (was für ein schöner Titel das für ein Buch ist), Sie nennen es das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Sie merken, dass etwas verkehrt läuft, und das haben Sie Ihr ganzes Leben lang schon gespürt, sogar als kleiner Junge.

C: Ja, allein das Gefühl in der Schule zu sitzen, wenn draußen das schönste Wetter ist, dann weiß man doch irgendwo, dass das nicht so sein sollte: "Ich sollte jetzt nicht diese Arbeitsblätter ausfüllen." Mein politisch radikal denkender Vater weihte mich recht früh ein bisschen in die wahre Geschichte unseres Landes ein, erzählte mir über den Völkermord hinter der Sklavenhaltung oder die wirtschaftliche Unterdrückung, und ein Teil von mir sagte, dass das nie hätte passieren dürfen. Aber vom Großteil meines Umfeldes wurde ich anders programmiert. Ich sollte doch froh sein über mein Leben mit all den Möglichkeiten, die mir offen standen...

O: Weil uns das jeder rundherum erzählt, ja, fahren Sie fort...

C: Ja, die Autoritätspersonen sagen uns: "Wenn du diese Arbeitsblätter richtig ausfüllst, bekommst Du eine gute Note, aber wenn du hinausgehst, bekommst du Probleme und wirst zum Direktor geschickt", so einfach ist das. Also ist dieses Wissen, glaube ich, für viele Menschen ein einsames Wissen; dieses Wissen, dass das Leben authentischer sein müsste, intimer, echter, und dass dieses leise Leiden, das wir für normal halten - oder für viele Menschen ist es ein himmelschreiendes Leiden, das wir für normal halten -, dass das nicht sein müsste.

O: Und dieses leise Leiden nennen Sie auch Separation, dieses Gefühl, dass man die Verbindung verloren hat, obwohl man in einem Raum oder auf einer Welt ist, in der man es ständig mit Menschen zu tun hat, aber es bleibt dieses leise Gefühl, nicht eingebunden zu sein in Gemeinschaften, davon sprechen Sie.

Ich liebe, was Sie schon auf der zweiten Seite schreiben, Sie schreiben:

"Wir alle wissen es auf einer bestimmten Ebene besser, nur kann dieses Wissen selten klar artikuliert werden, daher bringen wir es eher indirekt in Form von verstecktem oder offenem Protest zum Ausdruck."

(Ich finde das so interessant.)

"Durch Süchte, Selbstsabotage, Aufschieben, Faulheit, Wutanfälle, chronische Müdigkeit und Depressionen hindern wir uns selbst an der Teilhabe am vollen Leben, das uns zur Verfügung steht."

Das haben Sie gut gesagt.

C: Danke.

O: Und Sie schreiben: "Wenn das bewusste Denken keinen Grund findet, nein zu sagen, sagt das Unbewusste auf seine eigene Art nein." Was meinen Sie damit?

C: Rational hast du scheinbar allen Grund dich anzustrengen, um "es zu schaffen", erfolgreich zu sein, gute Noten zu bekommen, einen guten Job zu finden, das Spiel des Lebens mitzuspielen, das dir angeboten wird. Aber etwas rebelliert, ich nenne es die Meuterei der Seele, die sagt: "Du kannst mich zwar zwingen, mich hier hinzusetzen, aber du kannst mich nicht zwingen, aufmerksam zu sein."

O: Richtig.

***

(Vorankündigung für den nächsten Teil: O: Erklären Sie mir, warum Sie es nicht immer für eine gute Idee halten, eine Bewegung zu gründen. Weil ich alle sagen höre: "Wir brauchen eine Bewegung, wir brauchen eine Bewegung."
Und...
Wie können wir unsere Kultur verändern von der jetzigen, die Sie eine Kultur des Urteilens nennen, zu einer der Empathie. Wie machen wir das?)

***

O: Erklären Sie mir, warum Sie es nicht immer für eine gute Idee halten, eine Bewegung zu gründen. Weil ich alle sagen höre: "Wir brauchen eine Bewegung, wir brauchen eine Bewegung."

C: Ja, wie gründet man eine Bewegung? Leute fragen das, aber echte Bewegungen entstehen ungeplant. Und ich glaube, dass sogar umgekehrt die Bewegungen mit uns etwas machen. Jemand geht hinaus und pflanzt einen Garten oder baut ein kleines Haus für Obdachlose oder macht etwas Ähnliches, und dann sagen andere Menschen: "Gute Idee! Das mache ich auch!" Und daraus entsteht eine Bewegung.

O: Und diese kleinen, unscheinbaren Handlungen sind wie Gebete, finden Sie nicht? Wenn man etwas Kleines Gutes tut.

C: Man weiß zwar nicht, was es für einen Einfluss auf die Welt haben wird, aber indem man es tut, trifft man eine Aussage darüber, in was für einer Welt man leben möchte. Und ich halte es für einen echten Fehler, diese Dinge daran zu knüpfen, dass sie möglichst viral werden, dass sie skalierbar sind und in größerem Maßstab gemacht werden können. Weil die meisten Dinge nie in einer vorhersagbaren Weise hochskaliert werden können. Und ich glaube, dass gerade die nicht sichtbaren und sogar unbedankten Dinge die wichtigsten sind, die Menschen auf der Welt tun.

Menschen wie ich oder in größerem Maße Sie haben eine gigantisch große Bühne, oder gehen wir noch eine Stufe höher, der Präsident oder so, wir glauben, dass diese Menschen die Macht auf der Welt haben, weil sie große Wellen schlagen können, aber wie verändert man die tiefen Strömungen? Und mein intuitives Gefühl sagt mir, dass die Menschen, die die Zukunft in 500 Jahren beeinflussen, eher die Großmütter sind, die ihre wertvolle Zeit eins zu eins mit einem Kind verbringen, einem kranken Kind, oder die Kindergärtnerinnen...

O: Ich war gerade dabei zu sagen: die Eltern. Die Menschen, die das Feld verändern und für die Welt und für die Zukunft ein offenes Feld schaffen können, sind die Eltern. Die sind in Wirklichkeit genau jetzt die mächtigsten Wesen auf der Erde, denke ich.

C: Ja, jeder, der etwas aus Liebe tut.

O: Sie schreiben: "Die entscheidende Empfindung der neuen Geschichte ist, dass wir vom Universum nicht getrennt sind, und dass unser Sein Teil des Seins aller anderer Wesen und Dinge ist. Warum sollten wir das glauben? Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: Dieses 'Intersein' ist etwas, das wir fühlen können. Warum tut es uns weh, von den Schmerzen eines anderen Menschen zu erfahren? Warum fühlt es sich, wenn wir vom Massensterben der Korallen lesen und die Bilder ihrer ausgebleichten Skelette sehen, wie ein Schlag an? Weil das buchstäblich uns selbst passiert, unserem erweiterten Selbst."

Das ist also die neue Erzählung, die wir zur Kenntnis nehmen, der wir uns bewusst werden müssen, damit wir einen Schritt weiter in unserer Entwicklung gehen können. Ist es das, was Sie sagen?

C: Ja, und sie passiert schon, diese Bewusstseinserweiterung. Denn wir können die Schutzschilde, die Barrieren, die wir aufrichten, um NICHTS ZU FÜHLEN, nicht mehr aufrechterhalten. Die Wirklichkeit bricht durch. Die politische, wirtschaftliche und Umweltkrise ist zum Teil dieser Durchbruch. Es ist eine Initiation für unsere Gesellschaft, für die Menschheit.

O: Glauben Sie, dass wir es noch erleben werden, dass die neue Erzählung anerkannt wird? Ich bin älter als Sie, also glaube ich nicht, dass das noch zu meinen Lebzeiten passiert, und ich weiß nicht, ob zu Ihren...

C: Es wird passieren, es wird. Ich kann sagen, dass ich die neue Erzählung schon akzeptiere, aber in Hinsicht darauf, wie ich wirklich lebe, wie ich wirklich spreche, wie ich wirklich mit Menschen umgehe, bin ich vielleicht gerade mal bei einem Prozent. Aber ich stelle mir gern vor, dass ich am Ende meines Lebens sagen kann: "Wir haben die Kurve gekriegt. Wir haben die Kurve gekriegt. Manches ist vielleicht sogar schlimmer auf materieller, messbarer Ebene, aber wir haben es jetzt kapiert."

O: Dass wir alle miteinander verbunden sind?

C: Ja! Wenn du kein vereinzeltes Individuum bist, was bist du dann? Du bist vielleicht ein Spiegel aller Dinge, oder du bist die Gesamtheit deiner Beziehungen. Das bedeutet, dass alles, was passiert - irgendjemandem passiert, auch dir passiert auf einer gewissen Ebene. Es heißt, dass jede schwierige Beziehung, die du hast, etwas in dir selbst widerspiegelt. Es heißt, dass alles, was du auf der Welt tust, irgendwie zu dir zurückkommen wird. Es heißt, dass die Welt außerhalb unserer selbst nicht nur ein Haufen Zeug ist; sondern sie ist ein Spiegel unserer selbst. Sie hat Eigenschaften wie Bewusstsein und Intelligenz. Das sind nicht nur menschliche Eigenschaften, sondern sie sind in allem, in dem Teich da drüben, in diesem Baum hier...

O: Deswegen kann man ein Video sehen wie das, das ich vor kurzem gesehen habe, in dem ein Pelikan sich in Plastik verheddert hat, und mich hat es innerlich zerrissen, weil es einen Teil in mir gibt, der so sehr mit diesem Pelikan verbunden ist, dass ich das Gefühl habe, mir passiert das.

C: Es passiert Ihnen, ja. Alles, was auf der Welt passiert, passiert uns. Und ob wir es glauben oder nicht, wir können das noch immer FÜHLEN. Darum tut es so weh, und wir wissen nicht einmal, warum.

O: Ja. Und wir sind so verbindungslos, fühlen uns so isoliert und einsam in dieser Separation, weil wir dieses Gefühl, dass wir alle miteinander verbunden sind, betäubt haben.

Alles ist darauf ausgerichtet, uns von dieser Sichtweise fernzuhalten; [damit wir] uns nicht eingebunden fühlen und vereinzelt bleiben.

C: Unsere Erzählung sagt, wir können das Leid nur draußen halten, wenn wir uns gut davor schützen, indem wir möglichst hohe Mauern bauen, ein möglichst gutes Überwachungssystem einrichten und sichere Gefängnisse. Aber das ist nicht wahr, und wir lernen es auf die harte Tour: Wenn wir die Ökosysteme zerstören, dann leidet darunter unsere eigene Gesundheit. Dem können wir nicht entkommen, wir sind alle verbunden; das lernen wir gerade in Form einer Art kulturellen Initiation.

O: Die einzigen, die das zu verstehen scheinen, sind die Kinder.

C: Ja, wir werden alle wissend geboren; dass wir in einer magischen Welt leben, dass wir alle verbunden sind, ja, das ist ein angeborenes Wissen.

O: Die Kinder verstehen es, und an einem gewissen Punkt wird es ihnen quasi ausgetrieben...

C: Das gehört dazu, ja.

O: Gut, was sind nun einige der Prinzipien des Interseins? Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich mit Thich Nhat Hanh führte, der auch viel darüber spricht.

C: Ich glaube sogar, dass er es war, der diesen Begriff, prägte: Intersein (interbeing). Aber es ist auch ein wirklich passender Begriff, denn es geht nicht nur um wechselseitige Abhängigkeit (interdependency) oder wechselseitige Verbundenheit (interconnection), es geht darum, dass mein eigentliches Sein vom Sein aller Wesen abhängt. Wenn also eine Spezies ausstirbt, stirbt etwas von mir. Ich werde ärmer.

O: Wie beginnen wir aber diesen Wandel? Natürlich hoffe ich, dass jeder auf Ihre Website geht und Ihren Essay "Über Hass, Trauer und eine Neue Geschichte" [https://charleseisenstein.org/essays/die-wahl-uber-hass-trauer-und-eine-neue-geschichte/], die wir uns erzählen müssen, liest; aber wie können wir unsere Kultur verändern von der jetzigen, die Sie eine des Urteilens nennen, zu einer der Empathie. Wie machen wir das?

C: Für mich ist die wichtigste Übung zu fragen: "Wie fühlt es sich an, du zu sein?" Vor allem, wenn ich gerade über jemanden urteile. Denn wenn ich urteile, heißt das, dass ich etwas nicht verstehe. Mit urteilen meine ich: "Wäre ich an deiner Stelle, würde ich das anders, besser machen." Wenn man sich also fragt: "Also gut, wie ist es, rassistisch zu sein, und wie wird jemand ein Rassist?", dann heißt das nicht, dass man ihm einen Persilschein ausstellt, sondern dass man wirklich hinschaut...

O: ... oder dass man Rassismus bagatellisiert...

C: Nein, damit versucht man wirklich, Rassismus zu heilen. Man will ihn WIRKLICH verstehen und nicht nur die Belohnung fürs Ego kassieren, wenn man sagt: "Du bist im Unrecht, ich im Recht. Ich bin gut." Damit zeigt man, dass man selbst "gut" ist, weil man sich im Kampf gegen das Böse auf die Seite des Guten stellt. Den Kampf gegen das Böse führen wir nun schon seit mehreren Tausend Jahren. Was hat er gebracht?

O: Hat er uns irgendwas gebracht, hm?!

C: Ja genau. Zeit, etwas anderes zu versuchen. Ja!

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(Vorschau auf den nächsten Abschnitt: O: Sie glauben, dass die "schönere Welt, die unser Herz kennt" nicht einmal sechzig Sekunden weit weg ist. Wie können Menschen Intimität und Verbundenheit in weniger als einer Minute finden?)

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O: Sie glauben, dass "eine schönere Welt, die unser Herz kennt" (ich liebe den Titel) ganz nahe liegt, weniger als sechzig Sekunden weit weg. Wie können Menschen Intimität und Verbundenheit in weniger als einer Minute finden? Erklären Sie uns das.

C: Solche Erfahrungen haben die meisten Menschen schon gemacht, vielleicht am Sterbebett eines Menschen, oder man macht diese tiefe spirituelle Erfahrung, man erkennt auf einmal: "Oh! Es ist ja schon alles da, und alles ist wunderbar!" Wir machen solche Erfahrungen. Worauf ich mich damals bezog an dieser Stelle im Buch war, glaube ich, die Erfahrung, jemandem in die Augen zu schauen, Sie wissen, und man erkennt plötzlich: "Oh, du bist dasselbe Wesen wie ich, ich schaue nur durch ein anderes Augenpaar heraus," und man kann auf diese Weise eine wirklich tiefe Erfahrung machen.

O: Ja, und als ich das las, dachte ich, Sie haben so recht! Wir gehen durchs Leben und erlauben uns nicht einmal die Erfahrung, jemandem tief in die Augen zu schauen. Ich begann darüber nachzudenken: Wie lange schaue ich jemandem eigentlich in die Augen? Das wird in unserer Kultur ja fast als Angriff verstanden, es gehört sich nicht. Man schaut einem anderen Menschen nicht so lange in die Augen, dass man erkennt: "Oh, dort drinnen bin ich, und hier drinnen bist du." Es ist nur ein: "Wie geht's?", und dann schnell weiter.

C: Wenn wir das tun, glaube ich, dann hört der ganze Gesellschaftsapparat auf zu funktionieren. Es ist aus einem bestimmten Grund unangenehm. Es ist unangenehm, weil unsere gewohnte Welt so viel Verbundenheit und Intimität nicht verträgt, das ist eine Art Bedrohung. Man würde erkennen, mit wie viel weniger Freude und Intimität man sich zufrieden gibt, als möglich wäre. Man hat uns übers Ohr gehauen. Und tiefe Erfahrungen wie diese sind eine Bedrohung, aber manchmal machen Menschen solche Erfahrungen. Das könnte ein Herzinfarkt sein oder etwas anderes, das einen mit dem in Berührung bringt, was real ist.

O: Oft passiert das, wenn etwas schief gelaufen ist, wenn man sich die Zeit nimmt, einem geliebten Menschen in die Augen zu schauen und ihn wirklich anzusehen. Ja, das ist ein wirklich interessanter Punkt, den Sie ansprechen. Und so verändern sechzig Sekunden Zeit, die ich mir nehme, um jemandem tief in die Augen zu schauen, die Schwingung, die Energie, die zwischen uns beiden entsteht auf jeden Fall, stimmt's?

C: Jap, und das rekonfiguriert die Normalität. Nach einer eine solchen Erfahrung geht es dir wie vielen Menschen, die eine Nahtoderfahrung oder eine religiöse Offenbarung erlebt haben, du gehst zwar wieder zurück ins Alltagsleben, aber es fühlt sich auf einmal gar nicht mehr normal an. Und die bisherige Wirklichkeit scheint jetzt auch nicht mehr wirklich zu sein. So lockert sich der Griff der alten Erzählung.

O: Was kann uns helfen, die Mentalität "wir gegen die anderen" zu verändern und zu erkennen, dass wir alle im selben Boot sitzen? Wir können einander tief in die Augen schauen - was noch?

C: Ich glaube alles, was die anderen wieder zu Menschen macht. Manche Menschen begleiten Verfahren, in denen sie Leute aus zwei Konfliktparteien in einem Raum zusammenbringen und eine Atmosphäre schaffen, in der sie wieder das Menschliche in den Leuten von der anderen Seite erkennen können, und dann wird der Konflikt nicht unbedeutend, aber sie sehen ihn in einem ganz anderen Licht. Denn wenn man den Menschen hinter seinem Feind erkennt, dann ändert sich vielleicht die Grundannahme, aus der der Konflikt entstanden ist.

O: Und wie stellen Sie sich unsere neue Erzählung vor? Sie haben Einblicke in neue Ideen gewonnen, die Ihnen Hoffnung machen. Können Sie uns welche verraten?

C: Ziemlich alles, was "alternativ" oder "holistisch" genannt wird, alles, was davon ausgeht: "Ja, wir sind miteinander verbunden", "Wir sind voneinander abhängig", "Wenn es dir gut geht, geht es auch mir gut", "Wenn du mehr hast, habe ich auch mehr." Es ist die Geisteshaltung des Schenkens, der Großherzigkeit. Was ich der Welt schenke, wird irgendwie zu mir zurückkommen, weil wir in Wirklichkeit nicht voneinander getrennt sind. Andere Kulturen waren so, alte Kulturen, indigene Kulturen. In diesen Kulturen war dein Wohlergehen, dein Reichtum, dein Status davon abhängig, wie großherzig zu warst. Du konntest also alles verschenken und sicher sein, dass es dir gut gehen würde, weil die anderen auch für dich sorgen würden. Also war man entspannt. Man fühlte sich in der Welt zuhause und empfand auch die Natur so. Man sah nicht jedes Lebewesen im Konkurrenzkampf gegen alle anderen, sondern jedes Lebewesen hatte ein Geschenk anzubieten, das zur Gesundheit und zur Entwicklung des Ganzen beitrug.

34:44 O: Das ist ein Zitat aus Ihrem Buch von Seite sieben, Sie schreiben:

"Ich bin weder eine Inkarnation noch ein Heiliger, (...) [i]ch bin ein gewöhnlicher Mann.(...) Und wenn meine Worte ihren Zweck erfüllen, nämlich ein Katalysator zu sein für den nächsten Schritt, sei er groß oder klein, hin zu der schöneren Welt, die unser Herz kennt, dann wird meine Gewöhnlichkeit sogar höchst bedeutungsvoll. Sie zeigt, wie nahe wir alle, wir gewöhnlichen Menschen, einer tiefgreifenden Veränderung des Seins und des Bewusstseins sind. Wenn ich, ein gewöhnlicher Mann, es sehen kann, dann müssen wir beinahe schon dort angekommen sein."

C: Ja, wir sind wirklich schon ganz nahe, wir sind fast angekommen in einem neuen Bewusstsein. Also müssen wir einander helfen. Sie wissen, da hat man einen Durchbruch: "Ja, ich werde jetzt mein Leben dieser Sache, die ich liebe, widmen," aber dann kommen die Stimmen von innen und außen und sagen: "Das ist doch einfach unverantwortlich. Das geht nicht."

O: "So kannst du nicht sein."

C: Ja: "Sei doch nicht naiv!" Aber wir brauchen Menschen, die sagen: "Du musst darauf vertrauen."

O: Auf dein inneres Wissen, dein inneres Wesen.

C: Ja.

O: Gut, danke, dass Sie uns daran erinnern, dass "die schönere Welt, die unser Herz kennt", möglich ist. Danke Charles.

Trauer und CO2-Reduktionismus

Von Charles Eisenstein,
Mittwoch, 3. Februar 2016

Eben schrieb mir der Umweltschützer Michael Mielke Folgendes: "Immer wieder sind wir auf die Einsicht zurückgekommen, dass die Klimaschutzbewegung erst durch mehrere Stadien der Trauer gehen muss, um Akzeptanz zu finden."

Ich freue mich, dass sich diese Erkenntnis langsam verbreitet. Trauer ist notwendig, um die Situation, vor der wir stehen, auf einer tiefen Ebene zu integrieren. Andernfalls bleibt sie für die meisten Menschen abstrakt. Unsere gesellschaftliche Infrastruktur schirmt uns ja (zumindest bis jetzt) ganz gut vor spürbaren Auswirkungen des Klimawandels ab. Für die meisten Menschen scheint der Klimawandel etwa im Vergleich zu ihrer nächsten fälligen Schuldenrate oder zum Suchtproblem ihrer pubertierenden Kinder recht weit weg und abstrakt - etwas, das entweder nur in der Zukunft passiert oder in den Nachrichten. Solange das der Fall ist, werden sie auch keine sinnvollen Schritte setzen, und das wird sich auch nicht durch Überzeugungsarbeit ändern. Überzeugung dringt nicht tief genug ein. Niemand kann je davon "überzeugt" werden, große Veränderungen in seinem Leben vorzunehmen, wenn diese Überzeugung nicht auch mit einer Erfahrung einhergeht, die ihn auf körperlicher oder emotionaler Ebene trifft.

Solange man die Trauer nicht in ihrem vollen Umfang erlebt, erscheint die alltägliche Wirklichkeit immer noch normal. Selbst wenn man auf intellektueller Ebene davon überzeugt ist, dass der Klimawandel real ist und schwerwiegend, sagt einem das Gefühl immer noch: "Das ist nicht wahr," oder: "Es wird schon gut ausgehen."

Natürlich, wenn erst einmal die Folgen des Klimawandels in die normalen Strukturen der westlichen Gesellschaften einbrechen und es dort zu Nahrungsmittelknappheit, extremen Wetterereignissen etc. kommt, dann wird es wahrscheinlich zu spät sein. Bisher können sich die Elitestaaten vor dem Schaden, den die Umweltzerstörung anrichtet, abschotten. Daher scheint er irreal. Die Klimaanlage funktioniert ja noch. Das Auto fährt. Die Kreditkarte funktioniert. Die Müllabfuhr kommt und entsorgt den Abfall. Die Schule öffnet um 8 Uhr, und Medikamente gibt es in der Apotheke. Die Narrative, die unsere Normalität definieren, sind immer noch intakt. Wenn wir so lange warten, bis diese Narrative durch äußere Ereignisse zerstört werden -- dann wird es zu spät sein.

Das ist also die Herausforderung, die vor uns liegt: Wie bringen wir die Menschen dazu, sich so sehr um den Klimawandel zu sorgen, wie sich die Einwohner von Flint in Michigan Sorgen über das Blei in ihrem Trinkwasser machen?

Das hier soll jeder in der Klimaschutzbewegung hören: Es hilft nichts, den Leuten Angst zu machen. Aus Angst werden sie sich nicht um den Klimawandel kümmern. Wissenschaftliche Prognosen über das, was in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren passieren wird, werden sie nicht aufrütteln - nicht genug. Was wir brauchen, ist ein solcher Aktivismus und eine solche Energie, wie wir sie jetzt in Flint sehen. Dafür muss die Sache persönlich werden. Und dafür muss man den Verlust als real erleben. Und dafür muss man Trauer spüren. Es gibt keinen anderen Weg.

Deshalb beargwöhne ich den momentanen Umgang mit dem Thema Klimawandel. Eine abstrakte, pauschale Zahl (CO2-Äquivalente oder Treibhausgas-Emissionen) schafft eine Lücke zwischen Ursache und Wirkung. Sie setzt ein Vertrauen in die Autoritäten und Strukturen voraus, die lange unserer umweltschädlichen Lebensweise vorgestanden sind und sie aufrechterhalten haben. Diese Sichtweise, die ich CO2-Reduktionsismus nenne, geht Hand in Hand mit globalisierten und finanzialisierten Lösungen, die, wie wir immer wieder gesehen haben, oft schädliche Wirkungen auf lokaler Ebene für Umwelt und Gesellschaft haben. Mit dem CO2-Reduktionismus wurde argumentiert, um Anbauflächen für Biokraftstoffe, die traditionelle Ackerflächen oder Urwald zerstören, oder

Wasserkraftwerke, die unberührte Ökosysteme unter Wasser setzen, oder Kernkraftwerke, GMOs und sogar Fracking zu rechtfertigen und sie zu propagieren.

Die Umweltschutzorganisationen verstanden es - bewusst oder unbewusst - schon lange, sich die Macht der Trauer zunutze zu machen; daher der Erfolg von Kampagnen, in denen Superstars wie Elefanten, Nashörner oder Wale im Mittelpunkt standen. Ich glaube, dass wir für den Klimaschutz davon lernen können. Ich weise gern darauf hin, dass alles, was wir aus CO2-Gründen ablehnen auch aus viel unmittelbareren, greifbareren Gründen abgelehnt werden kann. Die Teersand-Projekte in Alberta sind ein Beispiel. Selbst wenn man gar nichts über ihre Auswirkungen auf Treibhausgase weiß, ist das, was passiert, herzzerreißend. Ebenso die Minen in den Appalachen, in denen ganze Berggipfel zur Kohlegewinnung abgesprengt werden. Ebenso die Vorgänge auf den Ölfeldern. Ebenso die Offshore-Ölbohrungen und die ganze Erdölindustrie (wenn an Ölpesten denkt). Wenn man diese Dinge nur unter dem Aspekt des CO2-Ausstoßes betrachtet, entsteht, fürchte ich, eine emotionale Distanz, die die Menschen davon abhält, die Trauer und den Horror zu erleben, die damit einhergehen. Wenn nur CO2 das Problem ist, und wir es vermeiden, den furchtbaren Zustand unmittelbar vor Ort zu sehen, dann erscheint es vollkommen vernünftig zu sagen: "Gut, dann kompensieren wir dieses Erdgasfeld, indem wir Bäume pflanzen. Und außerdem ist das ja nur eine Übergangslösung, bis wir genug Windräder am Laufen haben."

Paradoxerweise ermöglicht die CO2-fixierte Sichtweise die Fortführung all jener Aktivitäten, die CO2 freisetzen.

Ich weiß, das grenzt jetzt an Abfall vom Glauben, aber ich denke, wir müssen CO2 als Maß für "grünes" Handeln, aufgeben. Wenn wir als Gesellschaft in den Trauerprozess hineingehen und ihn durchleben wollen, ist CO2 ein problematisches Verkaufsargument. Natürlich kann man sagen, dass eine soundso schlimme Überschwemmung in Bangladesch oder eine Trockenheit in Niger durch den Klimawandel verschlimmert wurde, aber das müssen die Menschen glauben, weil die Wissenschaft es sagt.

Ich behaupte nicht, dass der Klimawandel keinen Einfluss darauf hat. Aber es gibt viel handfestere Gründe. An vielen Orten sagen die Menschen: "Der Regen kommt nicht mehr, weil wir die Wälder abgeholzt haben." Ich glaube, wir müssen die Wälder und die Mangroven und die Flüsse usw. zu etwas Heiligem machen, wir müssen sie als heilige Wesen sehen und nicht als Mittel für menschliche Zwecke, die geschützt werden müssen, weil sie den Treibhauseffekt abmildern.

Diese instrumentelle und nutzenorientierte Haltung gegenüber der Natur - DIE ist das Problem. Ich spreche von der Vorstellung, dass die Welt außerhalb von uns selbst ein großer Ressourcenpool ist, dessen Wert sich auf seinen Nutzen beschränkt. Solange sich das nicht ändert, wird sich nichts ändern. Und damit sich das ändern kann, damit wir die Natur und die materielle Welt als heilig und wertvoll um ihrer selbst Willen sehen können, müssen wir uns mit dem tiefen Teil in uns verbinden, der das schon weiß. Wenn wir diese Verbindung herstellen und die Verletzungen des Planeten fühlen, ist Trauer unvermeidlich.

Mit einer solchen Grundhaltung werden wir uns immer noch bemühen, all das zu verändern, was auch nach dem CO2-Narrativ bedrohlich ist, aber aus anderen Gründen und mit anderen Augen. Umweltschutz wird dann nicht mehr an das blinde Vertrauen auf die große Wissenschaft und die Befugnis und Legitimität der Institutionen gekoppelt sein. Sonst wäre ja alles gut, wenn die Menschen nur den Autoritäten (in diesem Fall den wissenschaftlichen, aber das betrifft genauso alle Systeme, in die die Institution Wissenschaft eingebettet und durch die sie legitimiert wird) vertrauten. Wissen Sie was? Selbst wenn die "Klimawandel-Leugner" recht hätten, würde das meine Leidenschaft für den Umweltschutz keinen Deut schmälern. Zugegeben, meine Meinung ist vielleicht nicht gerade repräsentativ, aber für mich heißt das, dass es nicht wichtig ist, die intellektuelle Auseinandersetzung mit den skeptischen Kräften zu gewinnen. Das ist nicht nötig, damit die Menschen sich betroffen fühlen.

Ich bin dankbar, dass die Umweltbewegung mittlerweile erkennt, wie wichtig Trauer ist. Jetzt ist die Zeit gekommen, dieses Bewusstsein in unsere Argumentation und unsere Strategien für den Umweltschutz einfließen zu lassen.