Entwicklung im Zeitalter der Ökologie

Mittwoch, 28. Mai 2014
ursprünglich erschienen im Kosmos Journal
[https://www.kosmosjournal.org/article/development-in-the-ecological-age/]

Leben Sie in einem entwickelten oder in einem Entwicklungsland? Wenn Ihr Land über ein weitverzweigtes Straßen- und Schienennetz und viele Flughäfen verfügt, wenn das Stromnetz voll ausgebaut ist, und Städte oder städtische Gebiete überwiegen, wenn moderne Medizin praktiziert wird, und praktisch jeder lesen und schreiben kann und in der Schule war, wenn die meisten Menschen Zugang zum Internet haben, und vor allem, wenn das pro-Kopf Einkommen hoch ist, würden die meisten sagen, dass Sie in einem entwickelten Land leben. Andernfalls wird man Ihr Land als Entwicklungsland einstufen, das noch auf dem Weg ist, diesen Standard zu erreichen.

Die Unterscheidung basiert implizit auf der Annahme, dass der Verlauf der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung der Industrieländer normal, unvermeidlich, und an sich wünschenswert ist. Wenn ich entwickelt bin, und Sie sich entwickeln, heißt das, dass ich schon dort bin, wo Sie erst hin müssen.

Mittlerweile ist es offensichtlich geworden, dass ein Narrativ der Entwicklung an so manchem grundlegenden Fehler krankt. Vor allen anderen stehen das Problem des Ressourcenverbrauchs und des ökologischen Fußabdrucks. Es gibt auf der ganzen Welt weder genug Ressourcen, um allen Menschen den Lebensstandard eines Nordamerikaners oder einer Westeuropäerin zu ermöglichen, noch können die Atmosphäre, die Wälder oder die Ozeane eine entsprechende Verschmutzung tolerieren. Auch zeigt sich, dass eine Unzahl an sozialen Problemen mit der Entwicklung Hand in Hand geht. Das sind nicht bloß vorübergehende Ungereimtheiten, die durch geschicktes politisches Eingreifen gelöst werden können.

Nichtsdestotrotz blieb bislang Entwicklung als normatives Konzept unhinterfragt. Wir sprechen jetzt eben von "grüner" oder "nachhaltiger" Entwicklung ohne auf die Idee zu kommen, dass das bestehende Konzept von Entwicklung an sich ein untrennbarer Bestandteil der vorherrschenden Umwelt zerstörenden Praxis ist.

Entwicklung ist kein frei schwebendes ideologisches Konstrukt sondern wurzelt in tieferen, weniger offensichtlichen Ideologien, die nicht unangetastet bleiben können. Profunde Entwicklungskritik wirkt bald einmal radikal. Man kann sich schnell den Ruf eines ignoranten Schlaumeiers einhandeln, der sich noch nie Gedanken gemacht hat über die "Vorteile der Erziehung", oder "die Segnungen der modernen Medizin", oder "den Fortschritt, den wir im Kampf gegen Armut und Hunger gemacht haben". Tatsächlich ist Entwicklung aufs Engste verknüpft mit tief sitzenden Annahmen über die menschliche Natur, die Beschaffenheit der Wirklichkeit, und die Natur des Seins an sich, die wir für selbstverständlich halten. Anders gesagt ist Entwicklung ein integraler Bestandteil jenes Mythos, jener großen Erzählung, auf der unsere Zivilisation basiert.

Unsere Zivilisation aber steht jetzt vor einer großen und sich ausweitenden Krise, die unaufhaltsam die Fundamente unserer innersten Grundannahmen unterspült. Gerade die ökologische Krise, der schmerzliche Schaden, den wir der Erde in ihrer Schönheit angetan haben, nagt an der selbstgefälligen Sicherheit, dass die Menschheit auf dem richtigen Weg ist mit ihrem ruhmreichen Aufstieg zur Herrschaft über die Natur. Immer noch ist die Geschichte von der Entwicklung stark und ihre Vorherrschaft fast allgegenwärtig, aber in ihrem Innersten beginnt ein Aushöhlungsprozess. Jetzt ist die Zeit gekommen, Entwicklung grundsätzlich zu hinterfragen, zu zeigen, wie sehr wir ihr verhaftet sind, und welche völlig anderen Visionen von der Zukunft es geben könnte.

Die entwicklungszentrierte Wirtschaft

Das Entwicklungsnarrativ - "unser Lebensstil ist der einzig erstrebenswerte" - ist ein kolonialistisches Narrativ. Die bestehenden Lebensweisen von Menschen rund um den Globus werden nicht wertgeschätzt. Ziel ist, sie den herrschenden Machtverhältnissen anzupassen. Auf wirtschaftlicher Ebene waren die entwicklungspolitischen Maßnahmen der letzten sechzig Jahre das Mittel dieses Kolonialismus. Man sagte, dass der Westen durch Zuschüsse und Kredite rückständigen Ländern beim Übergang von agrarischen hin zu einer industriellen Gesellschaft helfen würde. In der Praxis erlangte dadurch das globale Kapital Zugriff auf lokale Arbeitskraft, Holz, Land, Mineralien, Erdöl und so weiter. Der Großteil der Zuschüsse landete entweder in den Händen winziger lokaler Eliten oder wurde zu jenen weltweit agierenden Konzernen zurückgespült, die die von der Entwicklungshilfe finanzierten industriellen Megaprojekte umsetzten. Den Empfängerländern blieben immense, unbezahlbare Schulden. Um an die Devisen für die Rückzahlung zu kommen, gaben Sie Cäsar, was Cäsar gebührt: ihre natürlichen Ressourcen und ihre billige Arbeitskraft.

Bis heute braucht das globale Finanzsystem beständig immer weitere "Entwicklung". Ohne die schimmernde Technologie- und Fortschrittsfassade ist das, was vom Entwicklungskonzept übrig bleibt, reine Monetarisierung. Wenn ein Land davon spricht, seine "Forst-Ressourcen" zu "entwickeln", was heißt das dann in Wirklichkeit? Es heißt, dass die Wälder Produkte liefern sollen. Was macht jemand, der den Immobiliensektor entwickelt? Er verwandelt Land in ein Produkt, das er "erschließt", um dessen Geldwert zu steigern. Was bedeutet es, einen Markt zu entwickeln? Es bedeutet nicht-geldförmige Formen des Austauschs wie Reziprozität, Teilen und wechselseitige Hilfe in markttaugliche Dienstleistungen überzuführen.

Denken Sie zum Beispiel an ein indisches Dorf, dessen Einwohner in der so oft als beklagenswert hingestellten Situation sind, von "weniger als zwei Dollar pro Tag" leben zu müssen. Hätte unsereins ein solches Einkommen - so malen wir uns aus - müssten wir furchtbaren Hunger leiden, und es fehlte uns an allem. Die Wahrheit kann aber recht anders aussehen. Vergessen Sie nicht, dass die Menschen dort den Großteil ihrer Nahrungsmittel selbst anbauen im Rahmen ihrer Familien, die bis über hundert Menschen umfassen können. Also brauchen sie kein Geld um Essen einzukaufen. Auch weiß jeder, wie man ein Haus aus frei verfügbaren Materialien baut, also müssen sie auch nicht fürs Wohnen bezahlen. Wenn die Großfamilie gemeinsam über Land verfügt, muss auch keiner Pacht bezahlen. Unterhaltung, Drama und Schauspiel gehören zum Dorfleben, ohne dass es dafür Geld braucht. Es besteht kein Bedarf für Versicherungen, weil die Menschen gegenseitig aufeinander aufpassen und füreinander sorgen. Auch ist es nicht notwendig für eine Polizei zu bezahlen, weil der informelle soziale Druck und vielleicht auch ein Dorfrat die Einhaltung gesellschaftlicher Normen gewährleisten. Natürlich muss in großen Familien auch nicht bezahlt werden fürs Kochen, für Reinigungsarbeiten oder Kinderbetreuung. Und das Dorf verfügt wahrscheinlich über reiches traditionelles Wissen über Heilkräuter und Volksmedizin.

Und jetzt ersetzen Sie die Lehmziegelhäuser durch Betonbauten, die weitverzweigten Großfamilienverbände durch Kernfamilien, gegenseitige Hilfe durch Versicherungen, das Land in gemeinschaftlichem Besitz durch Parzellen mit Zäunen, das Wissen um traditionelle Gerichte durch Fastfood-Restaurants; ersetzen Sie eine Identität, die aus lokalen Geschichten und Beziehungen erwächst durch eine, die auf Markenprodukten basiert, autarke Landwirtschaft, die Nahrungsmittelsicherheit gibt, durch eine Landwirtschaft, die nur für den Export produziert; ersetzen Sie erfahrungsbasiertes Lernen beim Tun vor Ort durch Schulen mit festgesetzten Lehrplänen, und die Dorfheilerin durch ein Krankenhaus. Zum Schluss schicken Sie alle jungen Leute in die Städte - das nennt man Entwicklung.

Ich möchte hier nicht suggerieren, dass die Dorfheilerin dem Krankenhaus grundsätzlich überlegen ist. Zeigen möchte ich hingegen, dass die Entwicklungsideologie mit machtvollen wirtschaftlichen Kräften Hand in Hand geht. Jede der oben aufgelisteten Veränderungen stellt eine Investitionsmöglichkeit dar. Wenn viele Menschen auf einmal für Dinge bezahlen, die vorher Teil einer auf Schenken basierenden Wirtschaft waren, steigt das BIP, welches wiederum für das Bestehen unseres Finanzsystems essentiell ist. Solange Geld aus verzinsten Schulden geschaffen wird, bedeutet fehlendes Wachstum weniger Kreditmöglichkeiten, steigende Verschuldung, steigende Arbeitslosigkeit und steigende Ungleichverteilung von Reichtum. Ohne Wachstum steigt der Druck, Vermögenswerte und natürlichen Reichtum zu Geld zu machen, Sozialleistungen zu kürzen und alle verfügbaren Ressourcen für die Tilgung der Schulden zu mobilisieren. Ein entwickeltes Land ist definiert als eines, in dem es nur mehr wenig Spielraum für weiteres Wirtschaftswachstum gibt. Damit dieses System weiterhin bestehen kann, müssen neue Märkte mit hohem Wachstumspotential erschlossen werden, die das System eine Zeit lang weiter am Laufen halten.

Mit anderen Worten ist Entwicklung mehr als nur eine Ideologie. Entwicklung ist eine Ideologie im Dienste einer ökonomischen Notwendigkeit - keiner absoluten wohlgemerkt, denn sie gilt nur im Rahmen eines wachstums- und schuldbasierten Wirtschaftssystems. Solange sich das nicht ändert, wird der Druck zur Entwicklung - also zur Umwandlung von natürlichen Ressourcen in Waren und von sozialen Beziehungen in Dienstleistungen - nicht nachlassen. So gut gemeint Ideen wie "grüne Entwicklung" auch sein mögen, sie können sich diesem Druck nicht entziehen. Sie können ihn nur in anfangs vielversprechende Formen kanalisieren, die, eine nach der anderen, als Enttäuschungen enden, weil sie sich letztlich immer wieder nur als weitere Formen der Jagd nach dem Geld entpuppen. Die zur Zeit herrschende Obsession für Bio-Treibstoffe ist ein gutes Beispiel dafür. Sie wurden als kohlenstoffneutrale Alternative zu fossilen Treibstoffen präsentiert, aber zugleich boten sie die Gelegenheit für einen massiven Landraub in Brasilien und anderen Ländern mit oft schlimmen Folgen wie Abholzung und Vertreibung von Subsistenzbauern und der ortsansässigen Bevölkerung von ihrem Land. "Entwicklung" in diesem Fall heißt Umwandlung von Land, Wäldern, autarker Versorgung und photosynthetischer Kapazität in Geld.

Damit soll keineswegs gesagt sein, dass die weniger entwickelten Länder so bleiben sollen, wie sie sind. Das wäre eine ebenso kolonialistische Haltung, wie ihnen unser eigenes Entwicklungsmodell vorzuschreiben. Der Außenseiter, der daherkommt und sagt: "Wir wissen es besser als ihr," und der diese Überzeugung mit ökonomischer und militärischer Macht durchsetzt, ist der Inbegriff von Imperialismus. Es ist aber auch naiv zu sagen: "Schau, diese Menschen wollen die Entwicklung! Sie wünschen sich Autos und Fernseher und Luxus und iPhones. Wer sind wir ihnen zu sagen, sie sollten das nicht wollen?" Sicher wollen sie diese Dinge, aber in welchem Gesamtzusammenhang? Wenn das Finanzsystem konstanten Druck ausübt, alles zu Geld zu machen, wenn Massenmedien glamouröse Bilder von Moderne verbreiten, wenn das Erziehungssystem traditionelle Lebensweisen als primitiv hinstellt und traditionelles Wissen als Aberglauben, dann werden sie natürlich diese Dinge wollen. Es wäre auch heuchlerisch mit dem Finger auf die Länder in Südamerika zu zeigen, weil sie in der Amazonasregion Bergbau und Minen betreiben, wo doch gerade das System, an dem die Kritiker selbst Teil haben, die starken Anreize für solche Aktivitäten setzt. Und genau das geschah in Ecuador: Präsident Rafael Correa machte 2007 den mutigen Vorschlag, dass sein Land ein riesiges Gebiet im Amazonas unberührt ließe, wenn die Weltgemeinschaft dafür Ecuador 3,6 Milliarden US-Dollar bezahlte - etwa halb so viel wie das Öl wert war, das in dieser Region lagert. Die Weltgemeinschaft konnte sich nicht darauf einigen dem Vorschlag zuzustimmen, und letztes Jahr erklärte Correa diesen Vorschlag für nichtig.

Die Aufstiegsideologie

Zwar deckt sich Entwicklung weitgehend mit den Zielen der globalen ökonomischen Kräfte, aber ihr ideologischer Ursprung, der auch unser ganzes jetziges System rechtfertigt, geht über Ökonomie weit hinaus. Es stimmt nicht, dass die Entwicklungsideologie nur ein Handlanger der von Entwicklung abhängigen Wirtschaft ist, so wie manche linken Theoretiker behauptet haben. Vielmehr haben beide Konzepte - Entwicklung und Ökonomie - einen gemeinsamen Ursprung: einen Ursprungsmythos, jene "Geschichte von der Welt", auf der die moderne Zivilisation beruht.

Ein Handlungsstrang dieser Erzählung dreht sich um ein meta-historisches Narrativ, das ich "den Aufstieg der Menschheit" nenne. Er geht so: Zu Beginn waren wir Menschen wenig besser als die Tiere. Wir waren nackt und hilflos in unserem Kampf ums reine Überleben. Wir hatten noch keine Wissenschaft sondern glaubten an Geister, und statt Technologie anzuwenden praktizierten wir Rituale. Dank unserer großen Gehirne fingen wir glücklicherweise an, uns zu "entwickeln". Wir lernten die Naturkräfte unter unsere Kontrolle zu bringen, das Feuer zu beherrschen, Pflanzen und Tiere zu domestizieren, zu bauen, zu erfinden und zu wachsen. Unser Fortschritt verlief vom Jagen und Sammeln über die Landwirtschaft zur Industrie, und jetzt sind wir im Informationszeitalter angelangt: vom Organischen über das Mechanische zum rein Geistigen; von der natürlichen Welt über eine hergestellte Welt zu einer virtuellen Welt. Bald, so geht die Geschichte, wird unser Triumph vollständig sein. Wir werden alle Krankheiten mittels Gentechnik und Nanotechnologie besiegen; wir werden das Weltall erobern; wir werden Körperteile designen, Nahrung künstlich produzieren und unseren Geist mit Add-ons erweitern; wir werden die Wissenschaft auch auf unsere Gesellschaft anwenden. Wir werden die Armut, Verbrechen und psychische Krankheiten mit Hilfe von Politikwissenschaft, Psychologie und Wirtschaftswissenschaft beseitigen. Das ist unsere ruhmreiche Bestimmung, die Descartes vor vierhundert Jahren vorausgesagt hatte, als er schrieb, dass die Technologie uns zu den "Herrn und Besitzern der Natur" machen werde.

In der Anthropologie herrscht seit der Zeit von Hobbes und Rousseau ein heftiger Meinungsstreit darüber, ob der ursprüngliche Zustand der Menschheit besser oder schlechter war als der zivilisierte. War das Leben, wie Hobbes es formulierte, "einsam, armselig, hässlich, grausam und kurz"? Oder brachte die moderne Gesellschaft eine Abnahme von Gewalt und eine Zunahme an Zivilisiertheit, wie das Jared Diamond, Steven Pinker, Napoleon Chagnon und manche anderen Autoren behaupten? Oder sollten wir eher Marshall Sahlins, David Graeber, Frans de Waal und Helena Norberg-Hodge glauben, die meinen, dass die "primitiven" Menschen zwar nicht in einem romantischen Garten Eden lebten, aber zumindest viel mehr Freizeit, mehr Kooperation, Zusammenhalt und Sicherheit hatten, als die meisten Menschen heute in der modernen Gesellschaft?

Hier steht eine Menge auf dem Spiel, denn Rousseau's Sichtweise zieht die wichtigste Rechtfertigung für die moderne Gesellschaft und damit auch die Entwicklungsideologie in Zweifel. Wir mögen soziale Ungerechtigkeit und Raubbau an der Umwelt beklagen, aber wir können uns immer noch mit dem Gedanken beruhigen, dass sich unsere Lage trotzdem gegenüber dem primitiven Leben verbessert hat. Zumindest, so sagen die Anhänger von Hobbes, kämpfen wir nicht tagtäglich ums Überleben; zumindest müssen wir uns nicht fürchten, dass uns unser Nachbar eins mit der Keule überzieht. Die Menschheit macht Fortschritte. Schon tragisch, dass die Ureinwohner unter die Räder kamen, als sie der Zivilisation im Weg waren, aber am Ende musste das alles geschehen, auch zu ihrem eigenen Wohl. Schon bald werden alle von der Bildung, den Klimaanlagen, ja überhaupt allen Segnungen der modernen Zivilisation profitieren. Ja, es steht wirklich viel auf dem Spiel in der Debatte über die Natur des primitiven Lebens. Das erklärt vielleicht die ungewöhnliche Heftigkeit und Beständigkeit dieser Kontroverse.

Es ist kein Zufall, dass die Anhänger von Hobbes dazu neigen, fundamentale Strategien der westlich-neoliberalen Demokratie und die weltweite Verbreitung der "westlichen Werte" zu befürworten. Sollte die Industrialisierung mit all ihren Schrecken aber nicht einmal dazu geführt haben, dass es uns besser geht als vorher, dann müssten wir das ganze Programm bis hin zu seinen Grundannahmen hinterfragen. Die Massenmedien und die etablierte öffentliche Meinung stärken tendenziell die Erzählung vom Aufstieg. Zum Beispiel schreibt Steven Pinker in seinem gefeierten Buch "Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit", dass dank der Zivilisation und des Erstarkens der demokratischen Werte Gewalt seit langem abnimmt, weil wir uns über unseren primitiven Urzustand und unsere Biologie erhoben haben (außer den Muslimen, die die westlichen demokratischen Werte noch nicht akzeptiert haben und daher gewalttätiger sind). [1]

Vom Hobbes'schen Standpunkt aus ist die Entwicklungslogik unanfechtbar: Im Rahmen des besagten Entwicklungsverlaufs von der Biologie über die Mechanik zur virtuellen Realität sind manche Kulturen weiter, also "fortschrittlicher", als andere. Die Konservativen sagen dann: "Pech für die Nachzügler, uns gebührt das Recht auf Macht." Die Linken kontern: "Oh nein, wir müssen ihnen doch helfen aufzuholen!" Aber beide Seiten sind sich einig über das zugrundeliegende Narrativ.

Die anderen, die das Narrativ vom Aufstieg und vom Fortschritt in Zweifel ziehen, werden bezichtigt, "die Vergangenheit zu verklären", wie umfassend ihre Recherche und schlüssig ihre Argumentation auch sein mögen. Ich erinnere mich an eine Unterhaltung, die ich vor kurzem mit einem Wirtschaftsprofessor hatte. Ich zitierte Arbeiten von Marshall Sahlins und Richard Lee, zwei herausragenden Anthropologen der vorigen Generation, die nahelegten, dass Jäger und Sammler sehr viel Freizeit hatten und wenig Angst ums Überleben. Der Professor bezweifelte, dass irgendein seriöses Journal solchen Unsinn veröffentlichen würde. Eine solche Ansicht könne er nur für eine romantische Verklärung der Vergangenheit halten - so heftig widerspricht sie seiner Weltsicht, die die meisten für selbstverständlich halten.

Bezeichnenderweise hat das Wort "romantisierend" eine anti-wissenschaftliche Konnotation, mit der er mir zu verstehen gab, dass ein rationaler, nüchterner Mensch ohne Hang zu romantisch verklärten Phantasien nie bestreiten würde, dass die Menschheit über ihre primitiven Anfänge hinaus Fortschritte gemacht hat. Schließlich ist die Wissenschaft selbst ein untrennbarer Bestandteil dieses Aufstiegs. Die Wissenschaft liefert nicht nur jene Weltsicht, die die Moderne definiert, sie ist außerdem auch die Grundlage der Technologie, auf der das moderne Leben basiert. Auch die konventionelle evolutionäre Biologie geht von einem Hobbes'schen Naturzustand aus, wenn sie von eigennützigen Genen spricht, die die Organismen darauf programmieren, ihr reproduktives Eigeninteresse zu maximieren. Eine solche Vorstellung von Genen und Evolution sind nicht mehr der neueste Stand der Biologie, aber sie halten sich als beliebte Argumente für die Erzählung vom Aufstieg und von der Entwicklung. Ein neues Paradigma von Symbiose, Kooperation und Interdependenz ist im Aufkeimen, wo Wettbewerb eine geringere Rolle spielt. Diese Eigenschaften sind nicht ausschließlich den zivilisierten Menschen eigen und nicht einmal der Menschheit vorbehalten: auch Tiere, das erkennen wir zunehmend, zeigen das Potential für Empathie und Altruismus. [2]

Es muss kaum gesagt werden, dass unser Wirtschaftssystem sich ganz mit der Weltsicht des Aufstiegs deckt: erstens gibt es immer mehr Schulden als Geld. Dadurch werden die Einzelnen zu Konkurrenten gemacht, und es scheint am Ende so, als läge Konkurrenz in der Natur des Menschen. Der Ökonom mit seinem düsteren Menschenbild beruft sich auf den Biologen und sagt: "Menschen streben egoistisch danach, ihre finanziellen Gewinne zu maximieren". Zweitens erfordert unser System Wachstum, wodurch wir gezwungen sind, immer mehr Natur in Besitz zu nehmen und zu Geld zu machen. Drittens und im Zusammenhang damit fördert unser System die Unterwerfung der Natur, indem alles unter einem utilitaristischen Gesichtspunkt bewertet wird: "Was nützt es uns?" Zuletzt spiegelt unser System das Bestreben der Wissenschaft wider, alles in Zahlen auszudrücken. Eine Vielzahl von oft qualitativen Werten wird in ein einziges Maß für Wert namens Geld gepresst. Wie wir gesehen haben, sind gerade diese Eigenschaften des Geldes der Motor, der die ökonomische Entwicklung antreibt. Solange man sich innerhalb des Narrativs vom Aufstieg bewegt, ist wirtschaftliche Entwicklung als Ziel so gut wie unantastbar.

Ein lebendiges Universum

Dieses Narrativ vom Aufstieg der Menschheit beruht seinerseits auf einer noch tiefer verankerten Weltsicht, die in der Wissenschaft (wie sie uns geläufig ist) zum Ausdruck kommt. Ich nenne sie die "Erzählung von der Getrenntheit": wir sind vereinzelte Individuen in einem uns äußerlichen Universum, das keine Wesenseigenschaften besitzt. Ein Sammelsurium aus austauschbaren Partikeln und unpersönlichen Kräften ist das Universum - fremd, ohne Sinn und tot. Wir assoziieren Fortschritt mit einer zunehmenden Beherrschung der Natur, weil wir nicht wahr haben wollen, dass das Universum aus sich heraus schöpferische Energie, Heiligkeit und Sinn birgt. Wenn wir erkennen, dass die Natur selbst dynamisch, schöpferisch und lebendig ist, dann müssen wir sie gar nicht mehr überwinden, sondern einfach nur vollständiger an ihr teilhaben.

Was will das Land? Was will der Fluss? Was will der Planet? Das sind unsinnige Fragen, solange man nicht dem Land, dem Wasser oder dem Planeten eine Form von Bewusstsein zugesteht. Die Wissenschaft hat uns gelehrt, dass das eine anthropomorphe also vermenschlichende Übertragung wäre: ohne ein zentrales Nervensystem kann das Land nicht irgendetwas "wollen". Die Welt außerhalb unserer selbst hat keine Wesenseigenschaften: kein Streben, keine Intelligenz, keinen Sinn, kein Bewusstsein, keine Heiligkeit. Daher können wir ohne Bedenken die Welt unterwerfen, weil die tote Grundmaterie der Natur schließlich nicht mehr ist als ein Konglomerat austauschbarer Teilchen, die von unpersönlichen Kräften herumbugsiert werden.

Vergessen Sie nicht, dass die meisten, wenn nicht alle, vormodernen Kulturen genau das für selbstverständlich hielten, was die Wissenschaft bestreitet. Ihre Welt war eine lebendige. Wesenseigenschaften schrieb man nicht nur Menschen und Tieren zu, sondern auch Pflanzen und sogar Bergen, Felsen, Wolken und dem Wasser. Mit einer solchen Weltsicht war der Respekt für die Natur eine Selbstverständlichkeit. Entwicklung - sozialen und technologischen Fortschritt - könnte es in einer solchen Gesellschaft geben, aber nicht in der Form, dass man der Natur seinen Willen aufzwingt. Man würde auf die Natur hören und versuchen zu verstehen, was aus der Beziehung zwischen den Menschen und dem Rest der Schöpfung entstehen möchte. Man würde fragen: "Welches sind unsere besonderen Fähigkeiten, und wie können sie dem Ganzen dienen?" Weil sie die Welt als lebendig, empfindsam und zuhörend ansahen, vollzogen Kulturen, die wir als primitiv bezeichnen, gewöhnlich viele Rituale: ein Ritual, um die Lampe anzuzünden, eines, um den Bewässerungskanal zu öffnen, eines, um das Samenkorn zu pflanzen, eines, um bei jedem Mahl das Brot zu brechen, sogar eines, wenn man den Raum betrat. Das Leben war ein beständiger Dialog mit einem lebendigen Universum.

Bildung wird gewöhnlich als einer der unbezweifelbaren Vorteile der Entwicklung gesehen, aber so wie bei der (in Geld gemessenen) Armut ist diese Sache nicht so trivial. Bildung, wie sie in den Schulen vermittelt wird, untergräbt die auf Ritualen basierende Weltsicht auf mehreren Ebenen. Erstens trennt sie die Kinder physisch vom Land und den Lebensvorgängen. Vom Klassenzimmer aus betrachtet scheint das Universum in der Tat tot zu sein. Zweitens ersetzt sie die nicht-mechanischen Rituale einer lebendigen Weltbeziehung durch eine neue Art von Ritualen: durch Prüfungen, die Uhr und die Pausenglocke. Drittens vermittelt der Lehrplan eine wissenschaftliche Weltsicht, die einer Anschauung, in der es Platz für das Heilige gibt, widerspricht. Viertens wird das moderne Leben eines gebildeten Menschen, der in einer Stadt für ein Einkommen arbeitet, als erstrebenswertes Ziel vermittelt. Und schließlich wird eine Form des Wissens als die einzig wahre dargestellt: Es gibt eine äußerliche Welt bestehend aus Objekten und Fakten. Alternative Wissenssysteme und lokale Wege, zu Wissen zu kommen, werden als unzulässig dargestellt.

Die zentrale Grundhaltung von Kolonialismus ist: "Unsere Methoden sind besser als eure." Heute bezweifeln viele Menschen in den kolonialisierenden Gesellschaften, wenn sie mit dem rapiden Verfall der ökologischen Grundlage unserer Zivilisation konfrontiert sind, ob unser wirtschaftliches Vorgehen wirklich dem, das wir einmal als rückständig bezeichneten, überlegen ist. Und nicht nur dies ist zu hinterfragen, sondern allgemein die Herangehensweisen - ans Sehen, ans Heilen, ans Anbauen von Nahrungsmitteln, ans Wissen -, die wir auch alle für überlegen gehalten hatten. Ein westlicher Umweltschützer bewundert vielleicht den nachhaltigen Umgang einer traditionell lebenden Dorfbewohnerin mit Wasser und möchte, dass diese Praxis nicht verloren geht. Aber wahrscheinlich hält er die Rituale rund ums Wasser für entbehrliches Beiwerk. Er wird wahrscheinlich gegen die Privatisierung von Wasser sein, gegen die Grundwasserabsenkung durch den Zugriff der Industrie und gegen die Verschmutzung von Flüssen und Seen. Aber geht er so weit zu sagen: "Wir müssen Schutzmaßnahmen setzen, weil Wasser ein lebendiges, heiliges Wesen ist, das respektiert werden muss"? Oder steht nicht in erster Linie die instrumentelle Vernunft, die nutzenorientierte Sorge was passieren wird, wenn wir das Wasser vergeuden und verschmutzen? Mit anderen Worten, sind es am Ende wirklich wir, die besser wissen als die "sich entwickelnde" Welt, was es mit der Natur und dem Universum auf sich hat?

Folglich geht es jetzt nicht primär darum, dass wir im entwickelten Westen einmal mehr das neueste Wissen - selbst wenn wir glauben, es sei "grün" - an die rückständigen Menschen im Rest der Welt weiterleiten müssen. Umgekehrt sind wir es, die von ihnen lernen müssen, weil wir zum Großteil vergessen haben, wie man auf die Natur hört, wie man sich ihr als einem intelligenten, heiligen Wesen annähert. Wir sind es, die diese Art zu sehen "entwickeln" und sie dann anzuwenden lernen müssen, um unsere Gesellschaft und alles, dem wir Schaden zugefügt haben, wieder zu heilen. Das heißt aber nicht, dass wir gar nichts haben, was wir der Welt schenken können: Einige Technologien wie Photovoltaik, Solaröfen und manche landwirtschaftlichen Entdeckungen könnten harmonieren mit älteren Erzählungen über die Welt. Ich glaube daran, dass wir sogar Wege finden werden, Elektronik und das Internet so zu verwenden, dass sie lokale, landbasierte ökologische Lebensweisen fördern und nicht verhindern. Jeder auf der Welt kann von den anderen lernen. Aber jene unter uns, die in einer Weltsicht gefangen sind, die auf dieser absterbenden und todbringenen Erzählung vom Aufstieg und von der Getrenntheit basiert, jene sind es, die am dringendsten und umfassendsten von den anderen zu lernen haben. Die, die sich der Kolonialisierung widersetzt haben, können uns helfen, uns auch wieder zu ent-kolonialisieren.

Wir stehen am Übergang zu Neuland. Je größer das Ausmaß war, das Gesellschaften annahmen, desto tiefer verirrten sie sich in der Erzählung vom Aufstieg und von der Getrenntheit. Sogar Gilgamesch erntete Ruhm für seine Unterwerfung der Natur. Letzt liegt vor uns die Herausforderung, die Weltanschauungen kleiner Gesellschaften auf den Maßstab von Milliarden Menschen zu übertragen. Wie sähe eine Massengesellschaft aus, die die Natur nicht als ein zu beherrschendes Objekt und als Ressourcenquelle betrachtet, sondern als eine heilige Mutter, die intelligent ist und lebendig? Wie könnte sich Entwicklung gestalten, wenn traditionelle Weltbilder nicht als Relikte einer abergläubischen Vergangenheit angesehen würden, die es zu überwinden gilt, sondern als essentielle Wissensquellen darüber wie man auf diesem Planeten lebt? Was für Technologien könnte es geben, wenn sie erfunden wären als Heilmittel für die Natur gegen den Schaden, der in den letzten fünftausend Jahren angerichtet wurde?

Die Erzählung vom Aufstieg, die Erzählung von der Getrenntheit und all die Institutionen, die auf ihnen basieren, sind in der Krise. Ein wichtiger Teil davon ist die Wirtschaftskrise. Im gleichen Maß, in dem sich diese Krise verstärkt, wächst für die vorherrschende Kultur die Notwendigkeit, neue Erzählungen zu finden. Diese, das werden wir erkennen, sind überhaupt gar nicht neu, sondern haben in den Winkeln der Welt, die den Auswirkungen von Kolonialismus und Entwicklung mehr oder weniger entkommen sind, auf uns gewartet. Das wahrscheinlich Wichtigste, das die Menschen an jenen Orten tun können, ist es, ihre Welterzählungen zu bewahren und weiter zu entwickeln. Wir werden sie für unsere kommende "Entwicklung" brauchen.

[1] Edward Herman und David Peterson kritisieren die Hauptargumente dieses Buchs vernichtend (Steven Pinker on the alleged decline of violence, International Socialist Review, Issue 86).
[2] Siehe zum Beispiel das Buch "Das Prinzip Empathie. Was wir von der Natur für eine bessere Gesellschaft lernen können" (Orig.: The Age of Empathy), Carl Hanser Verlag, München 2011, von Frans de Waal.

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